J. D. Vance ist zwölf Jahre alt, als er das erste Mal die Männer mit dem "Fernsehakzent" trifft. Der Junge sitzt in einem Gerichtssaal in Ohio, verhandelt wird das Sorgerecht für ihn. J. D. schaut sich um: Die Zeugen, Angeklagten und Angehörigen sind Männer und Frauen in Jogginghosen und mit splissigen Haaren. Die Richter und Anwälte aber tragen Anzüge, und ebenso wie die Sozialarbeiter sprechen sie die neutrale Sprache vieler Nachrichtensprecher, die Vance bis dahin nur aus dem Fernsehen kannte. "Die Menschen, die dieses Gericht betrieben, waren anders als wir. Die Menschen, die vor diesem Gericht erscheinen mussten, waren es nicht."

So wie in diesem Gerichtssaal ist auch die amerikanische Gesellschaft gespalten, und J. D. Vance ist einer der wenigen, der auf beiden Seiten gelebt hat. Vance ist als Hillbilly aufgewachsen, mit einer medikamentenabhängigen Mutter und in Verhältnissen, die mit "zerrüttet" noch verharmlosend beschrieben sind. Heute ist er Anwalt und Absolvent der Elite-Universität Yale. Er ist einer der Anzugträger aus dem Fernsehen geworden.

Sein Buch Hillbilly Elegie, das Vance über sein Leben geschrieben hat und das nun auch auf Deutsch erscheint, könnte alles mögliche sein: eine Aktualisierung des amerikanischen Aufstiegstraums für die postindustrielle Gegenwart im Rust-Belt – das wäre die strahlend optimistische Variante. Oder ein Wutanfall auf jenen liberal-elitären Komplex, der mittlerweile immer schuld soll, wenn irgendwo ein Amerikaner an der Gegenwart leidet. Das wäre die pessimistische Variante. Vor allem aber kam Vances Bericht gerade recht, als es vergangenes Jahr galt, die Wähler zu verstehen, die Donald Trump zum Präsidentschaftskandidaten und dann zum Präsidenten machten. Als Trump-Erklärbuch wurde die Hillbilly Elegie berühmt und Vance zum prominenten Kronzeugen der Abgehängten.

Wer ist schuld?

Tatsächlich und zum Glück ist der 300-seitige Text all das zusammen: optimistisch, anklagend, erklärend. Ja, es verstecken sich Hinweise auf den vermeintlich so unwahrscheinlichen Erfolg von Trump, aber kaum mehr als in dem Maße, in dem jedes bessere Sachbuch zum Verständnis der Gegenwart beiträgt.

Vances Familie stammt aus den Bergen und Hügeln der Appalachen, die sich durch die Staaten Kentucky, Mississippi, Virginia und West Virginia ziehen. Hier waren die Menschen weiß, arm, gläubig und, wenn es sein musste, gewaltbereit: Hillbillys, Hinterwäldler.

Mit dem Boom der Industriestädte zogen auch die Hillbillys Richtung Norden. Vance Großvater, "Papaw", verdiente in Middletown in Ohio Geld in einem Stahlwerk, er kaufte ein Haus und baute auch sonst am sozialen Aufstieg seiner Familie. Aber er war auch Alkoholiker und das Zuhause war "Kriegsgebiet". Vance, der 1984 geboren wurde, lernt über den Umgang in der Familie und in Beziehungen folgendes: "Sprich niemals in angemessener Lautstärke, wenn du auch brüllen kannst. Wenn der Krach ein wenig zu heftig wird, darf man auch mal zuschlagen, solange der Mann nicht den Anfang macht. Bring deine Gefühle immer in einer Weise zum Ausdruck, die deinem Partner weh tut." Die Großmutter, "Mamaw", steht ihrem Mann darin nicht nach und zündet diesen, als er einmal betrunken auf dem Sofa liegt, einfach an.

Hillbillys am Abgrund

Zu diesen inneren, zerstörerischen Kräften kommen die äußeren. Als J. D. geboren wird, ist von der Industrie in Middletown schon nicht mehr viel übrig und vom Verantwortungsgefühl für den Ort, den sich die großen Arbeitgeber in besseren Zeiten leisteten, auch nicht mehr viel. Vances Mutter macht zwar den zweitbesten Abschluss in ihrer Highschool-Klasse, aber da ist sie schon schwanger. Sie wird über Jahrzehnte die Ehemänner und die Drogen wechseln, sie wird ihre Kinder bedrohen und anbetteln. Sie stürzt also wie so viele Hillbillys in den "Abgrund", wie ihr Sohn das nennt. Und es ist das Merkwürdige dieses Buches, dass es bis zum Ende die Frage kaum beantwortet, warum sie es nicht schafft, ihr Sohn aber schon. Was genau da passiert ist und auch, wer schuld ist.

Man erwartet das ja heute von populären Sachbüchern beinahe automatisch: dass sie sich auf eine Deutung festlegen und auf ein oder zwei Lehren zusammenfassen lassen. Gerade Sozialreportagen, wie sie die Hillbilly Elegie im Kern ist, werden oft zu Forderungskatalogen an die Politik, den Staat, die Gesellschaft. Das Kollektiv soll lösen, was im Leben des Einzelnen kaputt ist. Das wohltuende an der Perspektive des konservativen Vance ist, dass er all die Versehrten und Opfer in seinem Leben und seinem Buch nicht auf diese Art bevormundet. Vance schreibt: "Keine Regierung der Welt kann diese Probleme für uns lösen."