Früher, als alles besser war, selbstredend und sowieso, da galten engagierte Schriftsteller noch als Gewissen der Nation. Die Dichter, so hieß es, seien die Gegenspieler der Ideologen. Speaking truth to power laute ihr Slogan. Und trotz aller Verführungsversuche blieben sie auf Distanz zur dunklen Seite der Macht, blieben, trotz klarer Standpunkte, nicht standortgebunden. Auch deswegen war es nach dem Zweiten Weltkrieg angebracht, von der "freischwebenden Intelligenz" wahre Wunderdinge zu erwarten. Es sei die Aufgabe der "Geistigen", so schrieb zum Beispiel der Verleger Peter Suhrkamp, "wieder ein moralisches menschliches Klima zu schaffen". Er wollte seinen Teil dazu beitragen, dass das Publikum den Intellektuellen zuhörte. Und im Idealfall auch auf sie hörte.

Drei Vertreter aus dieser Autorengeneration der Suhrkamp-Kultur sind in den Frühjahrskatalogen nun mit (größtenteils) nicht-literarischen Texten vertreten: Vom 1991 gestorbenen Schweizer Max Frisch erscheinen Interviews und Gespräche; von Heiner Müller, 1995 verstorben, liegt ein Band mit Texten zum Kapitalismus vor; und Martin Walser, gerade 90 Jahre alt geworden, wurde zu seinem Geburtstag mit einer Sammlung seiner Aufsätzen und Reden bedacht. Alle drei Bücher sind eine Art Zeitreiseliteratur in die Epoche der Intellektuellen. Sie sollen aber noch mehr sein: Frisch, so der Herausgeber Thomas Strässle im Vorwort, zeichne sich durch eine "Grundsätzlichkeit und Weitsicht aus, die seine Äußerungen unvermindert lesenswert machen". Müllers Texte wiederum, verheißt der Buchrücken, könne man lesen als "prophetische Analysen, die Elend und Schrecken des gegenwärtigen Kapitalismus zur Sprache bringen". Und im Fall von Walser benennt schon der Titel den Anspruch: Ewig aktuell.

Hass hat den Hang zur Fiktion

Die drei Intellektuellen sollen also als zeitlose Zeitgenossen daherkommen. Das ist viel verlangt, weil es eigentlich unmöglich ist. Und man könnte sogar noch einen Schritt weitergehen: Folgt man den Paratexten der Verlage, sollen wir Frisch, Müller und Walser als Propheten lesen. Das ist natürlich zunächst einmal eine Verkaufsstrategie, um die drei Klassiker ein bisschen zu entstauben. Doch wer möchte, kann die Textsammlungen tatsächlich als Prophetien lesen, weil die drei Autoren das Handwerkzeug der Berufspropheten nutzen: Sie deuten Muster. Und genau deswegen wirken einige Sätze aus den versammelten Texten wie Gegenwartsdiagnosen, die vor mehreren Jahrzehnten gestellt wurden.

Liest man beispielsweise die Bemerkungen Max Frischs über die vielen Formen des Hasses, die er 1967 im Interview mit Alfred Häsler für die Schweizer Tageszeitung Die Tat machte, landet man gedanklich schnell bei den besorgten Bürgern, die sich derzeit als flüchtlingsfeindlicher Mob anschicken, einen vermeintlichen Volkswillen zu exekutieren. Das Gegenmittel gegen die hasstriefende Stimmung, die der Autor in der Schweiz der 1960er zu spüren meinte, scheint ebenso grenzen- und epochenübergreifend gültig zu sein. Frisch forderte "Informationen über Sachverhalte. Hass hat immer einen Hang zur vereinfachenden Fiktion."

Analogien lassen sich in diesem Sinne immer mal wieder finden. Das, so lässt sich gegen den Prophetenstatus einwenden, ist angesichts der Themenvielfalt allerdings auch nicht weiter verwunderlich. Es geht um die deutsch-deutschen Beziehungen und Vietnam, um die Presse und die Kunst und auffällig oft um Utopien und den Kapitalismus.

Obszön ausgestellte Unschuld

Letzteres ist bei Heiner Müller, 1929 geboren und in seiner Heimat, der DDR, als literarisches Enfant terrible gleichermaßen verehrt und geächtet, nicht weiter verwunderlich. Müller gilt heute als so eine Art Erzantikapitalist unter den deutschen Nachkriegsautoren. Überraschender ist da schon, dass auch die exzellenten Kapitelvorworte der Herausgeber Helen Müller und Clemens Pornschlegel das scharfe Vokabular des Autors aufnehmen, von Gier und Brutalität sprechen, von vulgärer Sattheit und obszön ausgestellter Unschuld. Denn gerade der Gleichklang von historischen Texten und aktueller Kommentierung zeigt in diesem Fall die Diskursverschiebung: Was vor dem oft zitierten "Ende der Geschichte" noch politische Lingua franca war, zumindest in linksintellektuellen Kreisen, klingt heute fast wie eine ausgestorbene Sprache. Wer noch links spricht, macht sich verdächtig. Selbst Max Frisch, der noch 1989 in einem Interview erklärte, dass er den Kapitalismus als System "ganz eindeutig" ablehne, stünde gegenwärtig wohl unter Radikalismusverdacht. Und liest man Martin Walsers frühe Feuilletons noch einmal, wundert kaum, dass er vielen Kommentatoren in den siebziger Jahren als Kommunist galt. Das alles hängt auch damit zusammen, dass die Meta-Erzählungen der Intellektuellen, die großen Geschichten von Aufklärung, Fortschritt und Utopie, derzeit auserzählt sind. Die eschatologischen Hoffnungen, so hatte es Pierre Bourdieu formuliert, waren stets "das wahre Opium der Intellektuellen". Das Opium ist aufgeraucht.

Für das Rollenbild der Intellektuellen ist das natürlich elementar. Denn wenn sich heute noch jemand aus der Schriftstellerriege äußert – und das tun noch einige, Juli Zeh oder Enno Stahl zum Beispiel, auch ein selbst erklärter "Reaktionär" wie Martin Mosebach – dann gilt das schnell als Gesinnungskitsch in einer alternativlosen Epoche. Erstens. Und zweitens greift ein alter Vorwurf, mit dem sich auch schon Frisch, Müller und Walser konfrontiert sahen: Intellektuelle haben eigentlich keine Ahnung, wovon sie reden. Sie haben ihre Autorität außerhalb des Feldes erworben, in das sie sich einmischen. Ihre Normen sind universell, also unspezifisch, sie üben, mit dem Soziologen M. Rainer Lepsius gesprochen, zwar legitime Kritik, aber eben auch inkompetente. Früher, als alles besser war, selbstredend und sowieso, wurde das vielleicht noch akzeptiert. Heute, viele Ausdifferenzierungen und Spezialisierungen  später, nicht mehr. Eigentlich schade. Ein "moralisches menschliches Klima" wäre doch wahrscheinlich mal ganz angenehm.


 Max Frisch: "Wie sie mir auf den Leib rücken!"Interviews und Gespräche. Hg. von Thomas Strässle, Suhrkamp Verlag, Berlin 2017. 237 S., 22 €

Heiner Müller: "Für alle reicht es nicht": Texte zum Kapitalismus. Hg. von Helen Müller und Clemens Pornschlegel, Suhrkamp Verlag, Berlin 2017. 389 S., 12 €

Martin Walser: Ewig aktuell: Aus gegebenem Anlass. Hg. von Thekla Chabbi, Rowohlt, Reinbek bei Hamburg 2017. 640 S., 24,95 €