Auch wenn Mahatma Gandhis Autobiografie bereits in den zwanziger Jahren veröffentlicht wurde, könnte ihr Titel kaum pointierter sein, um das aktuelle Geschacher in der Gegenwartsliteratur zu fassen. The Story of My Experiments with Truth erschien als Serie über Jahre hinweg in einer indischen Zeitung, bevor es zum Memoirenbuch gebündelt wurde. Mit Story, Experiment und Truth sind jene Signalwörter genannt, die derzeit immer wieder in der literaturkritischen Debatte aufleuchteten wie die überhellen LED-Scheinwerfer eines entgegenrasenden SUV. Dabei entzündet sich der Streit an einem einzelnen Wort: Authentizität. Ist es einmal ausgesprochen, bilden sich rasch die Konfliktparteien.

Die einen stellen sich hinter ein authentizistisches Erzählen, weil es der Leserschaft das Wirkliche, Echte und Unverstellte, kurz: das Leben in all seiner prallen Tatsächlichkeit näherbringe. Andere sind skeptisch gegenüber solch einem Erzählen und unterstellen ihm Prellerei: Es arbeite mit dem Effekt, als verschriftlicht Reales gelesen werden zu wollen. Darüber verleugne es, dass es als Sprachkunstwerk immer auch das das Erdachte und Zeichenhafte in sich trage. Dieser Einwand ist vielen wiederum zu verkopft, zu theoretisch, zu biedermeiermuffig gegenüber dem Leben. Denn von was als dem Leben sollen Romane bitte sonst künden?

Schillerndes bis blendendes Beispiel, anhand dessen sich dieses literaturkritische Geplänkel seit Jahren entfaltet, ist die Min kamp-Reihe des Norwegers Karl Ove Knausgård. Aber es gibt genug andere zeitgenössische Romane, die auf die eine oder andere Weise Authentizität als Bürge und Rüstzeug nutzen, um wirksam und unangreifbar zu erzählen: Das Ende von Eddy von Edouard Louis, Hool von Philipp Winkler, Nina und Tom von Tom Kummer oder Sonne und Beton von Felix Lobrecht. Jedes dieser Erzählprojekte legitimiert sich dadurch, dass sich ein Subjekt vermeintlich direkt artikuliert, ein Ich sich umweglos dem Leser darbietet, von A nach B ohne Zwischenhalt.

Kunst als Selbstzweck?

Störungen im Lesebetriebsablauf sind in diesen Romanen nicht vorgesehen. Im literaturkritischen Jargon wird das zumeist lobend hervorgehoben: "Was für ein Sog! Ein toller Page-Turner. Die Zeit vergeht wie im Fluge." Mit einer Verzögerung im Verstehen eines Textes als Kunstwerk, etwas, das zum Beispiel Niklas Luhmann als maßgeblich für Literatur erachtete, wollen die genannten Bücher nicht Vorlieb nehmen. Über den autobiografischen Roman Das Ende von Eddy, das von der Kindheit eines homosexuellen Jungen in Nordfrankreich berichtet, schrieb sein Autor Edouard Louis in einer Blognotiz, er sei "geplagt gewesen vom Willen, das Wahre zu sagen". Mit der Sprache, Gattung und Form, in der diese angebliche Wahrheit dargeboten wird, hält man sich da nur behelfsmäßig auf. Es geht um Größeres, und so sind dann viele dieser sozialkritisch durchaus wichtigen Romane selbstvergessen und erzähltechnisch anspruchsarm.

Kunst als Mittel zum Zweck? Oder doch als Selbstzweck? Die Debatte ist freilich nicht neu. Tatsächlich ist der Streit um den Authentizitätsgehalt von Literatur, um deren Realitätstreuherzigkeit, eine alte Kamelle, an der immer mal wieder gelutscht wird, um sich mit erfrischtem Atem die üblichen Argumente entgegenzuhauchen. Nur wurden früher andere Wörter benutzt und andere Pointen gesetzt. Um 1900 versuchten Naturalisten wie Arno Holz oder Johannes Schlaf die Dachbodenmisere der Berliner Vorstädte der Leserschaft möglichst eindrücklich zu vermitteln. Fast zeitgleich verkündete Stefan George die Reinheit der Kunst. Abseits weltlichen Drecks und Dröhnens sollte seine Literatur nur sich selbst zum Gegenstand haben.

Und 1948 denkt Max Frisch in seinem Tagebuch in Anlehnung an Bertolt Brechts Konzept der Verfremdungseffekte über "das Offen-Artistische" nach, das oftmals "rundweg abgelehnt wird, weil es die Einfühlung verhindert, das Hingerissensein nicht herstellt, die Illusion zerstört, nämlich die Illusion, daß die erzählte Geschichte ‚wirklich‘ passiert sei". An dieser Diagnose dürfte sich heutzutage wenig geändert haben. Der Erfolg von autobiografischen Büchern wie Rückkehr nach Reims von Didier Eribon, Panikherz von Benjamin von Stuckrad-Barre oder zuletzt 9 Tage wach von Eric Stehfest zeugt vom Verlangen des Publikums nach dieser Form der erlesenen Nähe, bei der Aussage und Aussager auf kuschelige Weise identisch sind.

In Umbruchszeiten wird nunmal gerne geschmust und paktiert. Die Digitalität lässt uns nach mehr Realität lechzen, die wir auch in Romanen einfordern. Die einen photoshoppen zusätzliche Raketen in ihre Militärprollbilder, die anderen Sakkoarme von Politikern in Videoaufnahmen. Das Unverhohlene wird zur begehrten Rarität, das Tatsächliche, ein Wert, der im fortschreitenden Medienzeitalter bedrohter erscheint, zur knappen Ressource. In einer merkwürdig hilflosen Bewegung wendet man sich auch der Literatur zu, einem Bereich, der doch seit jeher ein Raum der Virtualität, der Verschleierung und des Uneigentlichen ist. Und doch schreiben viele Autoren fleißig Buch um Buch, um die neue Lust der Eigentlichkeit zu befriedigen.

Dass die neue Art, wie wir Wissen im Netz generieren, verbreiten, prüfen und aufnehmen, auch unseren Umgang mit Literatur verändert, zeigt ein Beispiel aus der literarischen Naturkunde: Im Jahr 1799 veröffentlicht Schiller Das Lied von der Glocke und lässt dort "Holz vom Fichtenstamme" verfeuern. Wir, die wir (fast) alle ahnungslose Nichtglockengießer sind, wissen freilich nicht, dass Fichtenholz zum Befeuern von Öfen einigermaßen ungeeignet ist. Nun gut, der Forstlaie Schiller bekam ein wenig Spott ab, unter anderem vom eigenen Sohn. Das war’s.