"Elias Canetti did not deliver a Nobel Lecture." Diesen kurzen Satz liest man beiläufig auf der offiziellen Website des Nobelpreiskomitees. Im Fall Dylan ging es anders, denn um seine Rede hat man einen großen medialen Tanz gemacht. Erst fünf Tage vor Ablauf der Frist hat der Barde den von ihm selbst gelesenen Text in Form eines Videos mit Klavierbegleitung in Stockholm abgegeben. Ansonsten, so hat es geheißen, wäre ihm das Preisgeld nicht ausbezahlt worden. Echt jetzt?

Geht man so mit einem Nobelpreisträger um? Setzt man ihm Fristen und zwingt ihn zu einem Vortrag oder einer Vorlesung, die er möglicherweise gar nicht halten will? Vom Verhalten Dylans war das ehrwürdige Komitee schnell genervt. Nachdem der Ausgezeichnete nach Zuerkennung des Preises ein zu lang gedehntes akademisches Viertelstündchen gebraucht hatte, um für die Akademie erreichbar zu sein, richtete ihm eines ihrer Mitglieder, Per Wästberg, via Presseagentur aus: "Wenn er (Dylan) sich in nächster Zeit, sagen wir innerhalb des nächsten Monats, nicht melden würde, dann fände ich das unhöflich und arrogant." Eine Privatmeinung eines einzelnen Jurors, beeilte sich die Akademie klarzustellen.

Kurzes Glück verbreitete sich in den heiligen Hallen, nachdem Dylan seine lecture endlich abgegeben hatte. Sara Danius, die Vorsitzende des Literaturnobelpreiskomitees, sprach von einem "außerordentlichen" und "eloquenten" Text und zeigte sich darüber erfreut, dass das "Abenteuer Dylan" damit zu Ende gehe. Ein bisschen klang das so, als wollte sie einen renitenten Schüler loben.

Ein kleines Meisterwerk

Auch im deutschsprachigen Raum atmete die Anhängerschaft des Musikers auf. Heinrich Detering, der führende Dylan-Experte und einer seiner besten Lobbyisten, nannte Dylans Text "ein kleines Meisterwerk". Im Gegensatz zu vielen anderen Äußerungen des Sängers, in denen oft ein ironischer Tonfall herrscht, nehme er ihm hier jedes einzelne Wort ab: "Dylan spricht aus der Tiefe seines Herzens und seiner Lese- und Songerfahrungen." Etwas anders, aber im Resultat ähnlich, sah das die FAZ. Auf den ersten Blick wirke die Rede wie ein Witz, tatsächlich aber gewähre sie tiefe Einblicke in die Art seines Schreibens. Tenor insgesamt: ein Text, der eines Literaturnobelpreisträgers durchaus würdig ist.

Jetzt aber ist es mit der schönen Ruhe auch schon wieder vorbei: Die amerikanische Journalistin Andrea Pitzer hat in einem akribischen Artikel nachgewiesen, dass Dylan in der Beschreibung eines der drei Lieblingsbücher, auf die er in seiner Rede näher eingeht, eine Online-Interpretationshilfe für Schüler und Studenten genutzt hat. Zumindest 20 der gezählt 78 Sätze, die Dylan zu Moby-Dick schreibt, zeigen augenscheinliche Parallelen zu Einträgen auf SparkNotes.com. In zumindest zehn Fällen finden sich die von Dylan verwendeten Formulierungen nicht in Melvilles Buch. Beispielsweise spricht Ahab an keiner Stelle wörtlich davon, dass er im Wal eine Verkörperung des Bösen sieht. Auf SparkNotes heißt es: "… he sees this whale as the embodiment of evil". Und bei Dylan: "He calls Moby the emperor, sees him as the embodiment of evil."

Der Fall scheint klar: Dylan hat in der Nacherzählung des Inhalts SparkNotes oder eine andere unausgewiesene Quelle genutzt, die sich ihrerseits auf SparkNotes bezieht. Was aber bedeutet das jetzt für einen Nobelpreisträger für Literatur? Dass er sich gegenüber der Akademie wie ein Schüler verhalten hat, der zu einem ungeliebten Referat genötigt wurde? Geschummelt und betrogen hat? Fortgejagt werden muss? Für immer seine Ehre verloren hat? Ihm das Geld doch nicht ausgezahlt wird? Er den Preis aberkannt bekommt? Dass er ein schlechter Dichter ist? Einen Teil der Preissumme an SparkNotes überweisen soll? Oder anderweitig spenden? Vielleicht mit dem Schreiben und Singen ganz aufhören soll? Oder um Entschuldigung bitten? Bei wem? Die Plagiatsjäger, so scheint es, haben ja immer ein kleines Straflager mit Maßnahmen neben der eigenen Schreibmaschine stehen.

Eine auferlegte Pflicht

Muss man die Rede jetzt anders bewerten? Sicherlich. Wobei ihren referatsartigen Charakter allein aufgrund ihrer offensichtlichen Stilistik bereits Heinrich Detering erkannt hat. Er nennt, was Dylan darin betreibt, ein "Double-Speak": "Einerseits klingt es fast wie ein Referat, das jemand über Bücher hält, die er gelesen und vorbereitet hat. Andererseits ist es eine indirekte Autobiografie und Werkgeschichte. Und das macht gerade den besonderen Reiz dieser Art zu sprechen aus."

Worauf läuft Dylans Rede hinaus? Nachdem er sich über weite Strecken an der akademischen Pflicht abgearbeitet hat, die im gegebenen Zusammenhang wie eine auferlegte Pflicht der Akademie erscheint, kommt er im letzten Absatz darauf zu sprechen, dass Songs immer etwas anderes seien als Literatur. Lyrics sind keine Lyrik, denn sie müssen gesungen werden und brauchen die spezifische Aneignung durch den Interpreten. Folgerichtig endet die Rede mit einem Zitat von Homer: "Sing in me, oh Muse, and through me tell the story."

Zu Homer werden

Durch sich selbst hindurch die Geschichte erzählen, egal woher sie kommen mag. Mit diesem Gedanken ist Dylan nahe an jenen Gedanken dran, die sich Edward Young in seiner einflussreichen Schrift Conjectures on Original Composition (1759) über das Originalgenie gemacht hat. Erst die Vorstellung des Originals brachte ja den Begriff des Plagiats hervor. Für Young aber führt der Weg zum Original ausgerechnet über die Imitation. Wobei aber nicht die Werke nachgemacht werden sollten, sondern der Geist, der in ihnen steckt. Um Homer nahe zu sein, muss man gewissermaßen selbst zu einem Homer werden.

Ich will nicht behaupten, dass Bob Dylan ein Homer des 20. Jahrhunderts ist und dafür unbedingt mit dem Nobelpreis für Literatur ausgezeichnet werden musste. In seiner Nobelpreisrede vermittelt er aber den Anschein, dass er recht genau weiß, was künstlerische Originalität gerade auch in Bereichen außerhalb einer Literatur klassischer Prägung ist. Wenn Dylan, um dies klarzumachen, SparkNotes und die Attitüde des undiszipliniert-rebellischen Schülers in der letzten Reihe gebraucht hat, soll es uns recht sein. Die Akademie jedenfalls ist zu beglückwünschen: Sie hat tatkräftig mitgeholfen, aus dem Preisträger das zu machen, was er ist, und nichts anderes als genau diese Rede verdient.