Der Norddeutsche Rundfunk (NDR) hat im Streit um ein als rechtslastig eingestuftes Buch seine Zusammenarbeit mit der Jury der "Sachbücher des Monats" ausgesetzt. NDR Kultur distanziere sich entschieden von der Aufnahme des Buchs Finis Germania von Rolf Peter Sieferle in die Empfehlungsliste, teilte der Sender in Hamburg mit. Die Leiterin von NDR Kultur, Barbara Mirow, sagte, die Aufnahme des Buchs sei eine "gravierende Fehlentscheidung" der Jury. Die Sachbücher des Monats würden bis auf Weiteres nicht mehr veröffentlicht.

Finis Germania des im Herbst 2016 verstorbenen Historikers steht auf Platz neun der Empfehlungsliste des Monats Juni. Nach Einschätzung von NDR Kultur und anderen Kritikern äußert der Autor in seinem Buch rechtslastige Verschwörungstheorien, von denen sich die Redaktion distanziert. Laut Frankfurter Allgemeiner Zeitung werfe der Autor im Vorwort seines Buches Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) eine "Überwältigung der ethnisch-deutschen Bevölkerung" vor. Er schreibe außerdem von Auschwitz als einem "Mythos", welcher "der Diskussion entzogen werden soll".

Verantwortlich für die Empfehlung ist nach eigenen Angaben der Redakteur Johannes Saltzwedel vom Spiegel, er erklärte seinen Rücktritt aus der Jury. "Mit der Empfehlung des Buches habe ich bewusst ein sehr provokantes Buch der Geschichts- und Gegenwartsdeutung zur Diskussion bringen wollen", teilte Saltzwedel mit. "Ich wollte durch meinen Vorschlag auf keinen Fall das Renommee der Sachbuch-Bestenliste beschädigen und bedaure sehr die Verwerfungen, die sich daraus ergeben haben."

25 Juroren entscheiden über Leseliste

Laut FAZ steht in dem Buch, "der Gegner des Programms der Multikulturalität" sei das "indigene Volk". Der Nationalsozialismus, genauer Auschwitz, sei zum letzten Mythos einer durch und durch rationalisierten Welt geworden. Antifaschismus sei Antigermanismus. Und: "Die Juden, denen ihr Gott selbst die Ewigkeit zugesichert hat, bauen heute ihren ermordeten Volksgenossen in aller Welt Gedenkstätten, in denen nicht nur den Opfern die Kraft der moralischen Überlegenheit, sondern auch den Tätern und ihren Symbolen die Kraft ewiger Verworfenheit zugeschrieben wird". Die "indigenen Deutschen" müssten sich dringend wehren.

Der Sender veröffentlicht seit mehr als 15 Jahren unter anderem mit der Süddeutschen Zeitung und dem Börsenblatt des Deutschen Buchhandels die Empfehlungen der unabhängigen Jury. Dieser gehören 25 Juroren an, allesamt renommierte Wissenschaftler sowie Autoren und Redakteure großer Medienunternehmen, etwa vom Deutschlandradio, der SZ, der Frankfurter Allgemeinen Zeitung und auch der ZEIT. Juryvorsitzender ist der frühere leitende NDR Kultur-Redakteur Andreas Wang, der seit 2010 im Ruhestand ist. Auf Nachfrage der taz sagte Wang, das Buch ziere die Leseliste nicht gerade. In der Jury habe es auch "allerlei Diskussion" über die Entscheidung gegeben. 

Finis Germania ist aus Sieferles Nachlass zusammengestellt worden und im Verlag Antaios in Schnellroda erschienen. Der Verlag ist laut Süddeutscher Zeitung Teil der organisatorischen Infrastruktur der extremen Rechten in Deutschland. Sein Geschäftsführer Götz Kubitschek sei zugleich Mitbegründer des in Schnellroda ansässigen Instituts für Staatspolitik, Redakteur der Zeitschrift Sezession und Redner auf Pegida-Veranstaltungen.