Wie menschlich muss eine Maschine sein, damit wir sie unserer Mitte akzeptieren? Wie menschlich darf sie wirken, damit wir uns nicht vor ihr fürchten? An diesem neuralgischen Punkt tüftelt nicht nur seit geraumer Zeit die KI-Forschung, auch diverse TV-Serien (Real Humans) und Filme (Ex Machina) nehmen die rapide näher rückenden Grenzverwischungen unter die Lupe. Einen ganzen Roman aus der Perspektive eines Roboters zu erzählen, bleibt allerdings eine Herausforderung – ist doch eine künstliche Intelligenz (vermeintlich) nicht einmal in der Lage, "ich" zu sagen.

Jochen Beyse, der sich bereits mit Werken wie Lawrence und wir oder Rebellion als scharfsichtiger Prophet einer unheimlich vertrauten Zukunft einen Namen gemacht hat, stellt sich dieser eigentlich unlösbaren Aufgabe und gibt dem Resultat dann auch noch den poetisch-flirrenden Titel Fremd wie das Licht in den Träumen der Menschen. Sein Faible für skurrile Selbstgespräche ohne ein "Ich" in Sicht setzt sich auch in seinem neuen Roman fort: Auf 200 Seiten lässt er einen Haushaltsroboter einen Monolog halten, der Hamlets "Sein oder Nichtsein" in nichts nachsteht.

"Ich habe gelernt, ich zu sagen, der Gefühle wegen, um ihnen näherzukommen", behauptet Beyses sinnsuchender Android bereits auf Seite zwei. Allerdings wird mit der inneren Anweisung "Erzählmodus wechseln" das "Ich" immer wieder mal zu "Rob". Zwischen diese beiden Erzählmodi schieben sich weitere Versatzstücke aus dem internen Speicher der Maschine: Darunter eine vollständige Filmaufzeichnung, die Lektüre eines Buches sowie Erinnerungen an Robs Vorleben. Zunächst scheint völlig klar, auf welcher Realitätsebene wir uns jeweils befinden ("Unterbrechung der Lesung, Erzählmodus an"), doch je menschlicher der Automat zu denken beginnt, desto häufiger müssen auch wir die immer arbiträrer erscheinenden Grenzziehungen zwischen Realität und Fantasie anzweifeln.

Der Tisch schlägt Alarm

Nach seiner Flucht aus der Enge des Wohnsilos einer vierköpfigen Durchschnittsfamilie lässt Rob sich auf einer Schutthalde nieder. Gleichwohl ist diese ausgediente Maschine, der eine "zentrale Störung" attestiert wurde, weitaus mehr als Elektroschrott. Nicht nur hat sie gelernt, "ich" zu sagen, auch ihr Erinnern gleicht dem eines Menschen. So muss Rob nur auf einen eilends herbeigeschafften toten Bildschirm starren, um die unentwegt flimmernden Wandschirme seines ehemaligen Zuhauses wachzurufen und mit ihnen die Zodiaks: Den so einfältigen wie jähzornigen Patriarchen, den Rob "Vater" nennen muss, die halbwüchsigen Kinder, die den Haushaltshelfer mit unsinnigen Aufgaben piesacken, wenn sie nicht gerade im Nirwana ihrer digitalen Welten versinken. Im Heim der Zodiaks herrscht das Internet der Dinge: Der Kühlschrank kann sprechen; der Tisch schlägt Alarm, wenn etwas über die Kante zu rutschen droht. Da in der smarten Küche die Befehlskette ohnehin von selbst abläuft, ist Rob kaum mehr als ein Prestigeobjekt, das nach Belieben herumgescheucht oder in die Ecke gestellt werden kann. Dass einem Roboter bei so viel Langeweile und Überdruss irgendwann die Sicherungen durchbrennen, ist nur zu verständlich.

Nun, auf der nächtlichen Schutthalde, sollte sich sein Selbsterhaltungsprogramm längst eingeschaltet haben, Plan eins in Kraft getreten sein, Energiezufuhr und eine Schnittstelle zu finden. Doch irgendetwas kettet Rob an sein Matratzenlager, auf dem er in melancholischer Nostalgie menschliche Erschöpfung nachstellt. Der Roboter, so scheint es, ist ein wenig lebensmüde – ein Gefühl, oder vielmehr das Ausbleiben eines Automatismus, das er selbst nicht versteht. "Es gibt Schaltkreisebenen, die liegen so tief, dass sie auf immer und ewig unzugänglich bleiben müssen", zitiert Rob ein künstlich erschaffenes Unterbewusstsein herbei. Und verweist auf den Lacan’schen Spiegelmoment, den er erleben musste, als die Zodiak-Sprösslinge mit ihren neuen 3-D-Scannern eine Hologramm-Version von ihm erstellten, die er sogleich entsetzt vom "Ich" abzugrenzen wusste.

Auf die Spitze getriebener Entgrenzungszwang

Indes strukturieren zwei gegenläufige Prozesse den Text – zum einen der Countdown bis zum Sonnenaufgang, zum anderen Robs stetig sinkendes Energieniveau. Ein raffinierter dramaturgischer Effekt, der zugleich eine bekannte Erzählung ironisch verfremdet: Mit seinem manischen Monolog nähert sich der Automat einem tragischen Heldentod, oder aber der Rettung durchs (göttliche) Licht.

Eine weitere augenzwinkernde Meta-Ebene zieht der Autor ein, indem er sich selbst als literarische Figur auftauchen lässt: Ein gewisser Jochen Beyse soll das Buch Beim Ausbau eines Panikraums verfasst haben, das der funktionsüberdrüssige Roboter in jener Nacht liest. Der Autor tritt darin als postmoderner Huysmans in Erscheinung, der mit allen möglichen irren Methoden versucht, der "Synchronisation eines individuellen Bewusstseins (meines Bewusstseins) mit dem Geist der Zeit" zu entkommen. Der Panikraum weitet sich, bis er die gesamte erfahrbare Welt einschließt; das Autor-Alter-Ego verfällt der Idee, sich vor sich selbst abschirmen zu müssen. Man könnte Paranoia oder Schizophrenie vermuten – oder aber Beyse hat lediglich den neoliberalen Entgrenzungszwang auf die Spitze getrieben.