So fragwürdig "alternative Fakten" in der Politik auch sind – die Erinnerung bedient sich ihrer, seit der Mensch denken kann. Mit Manipulation hat das wenig zu tun, sondern schlicht mit den Schutzmechanismen unseres Unterbewusstseins. Wer heute mehr denn je nach Glaubwürdigkeit und Authentizität, nach einer inneren Wahrheit in der Literatur ruft, dürfte an China Miévilles neuem Werk keine Freude haben. Denn Dieser Volkszähler ist purer Treibsand. Schon auf Seite eins gibt sich der Erzähler als hochgradig unzuverlässig, wenn nicht gar als gespaltene Persönlichkeit zu erkennen: "Ein Junge rannte schreiend einen Bergpfad hinunter. Der Junge war ich." Nicht einmal über sein Alter ist er sich sicher: "Er war neun, glaube ich."

Klebt an seinen Händen Blut oder nur Dreck? Die Fakten des Damals bleiben so vage, als sei ihm das eigene, frühere Ich völlig fremd geworden. Klar ist nur: Er hat etwas Schreckliches gesehen. Seine Mutter habe seinen Vater umgebracht, schreit er, während er ins Dorf hineinläuft. Doch nach den Details befragt, ist er sich schon nicht mehr sicher. Hat nicht doch eher der Vater die Mutter auf dem Gewissen?

In der Erzählgegenwart lebt der erwachsene Ich-Erzähler in einer namenlosen Stadt, unter der Obhut eines mysteriösen "Vorgesetzten". Ist er tatsächlich "Ehrengast" in seiner Kammer, wie er behauptet, oder doch eher ein Gefangener? Seine Aufgabe ist es, drei Bücher zu verfassen: Eins voller Zahlen und Listen, eine unverschlüsselte Erzählung sowie ein persönliches Journal. Es ist letzteres, das wir hier zu lesen bekommen, darf man vermuten. So obsessiv wie sprachmächtig umkreist er darin den blinden Fleck, den das nie geklärte Verbrechen in seinem Gedächtnis hinterließ.

In der Ferne Schüsse

Die Szenerie dieser Rückblicke mutet archaisch und futuristisch, mittelalterlich und postapokalyptisch zugleich an: In einer kleinen Hütte am Hang eines Berges haust der Junge mit seinen Eltern. Vor seinem Vater, dem Schlüsselmacher, empfindet er eine diffuse Angst; doch auch die Mutter wirkt seltsam fremd und kalt. Manchmal berichtet sie von einer Stadt am Meer, von Eisenbahnzügen und anderen wunderlichen Dingen, wie von einem fernen, zauberhaften Land oder einer lang vergangenen Zeit. Generatoren erzeugen Strom für die Werkstatt des Vaters, im übrigen Haus werden Kerzen benutzt. Auf einer Müllhalde findet der Junge einen "Puppenkopf", der zu einer "beweglichen Statue" gehört haben soll – ein Verweis auf eine Ära, in der menschenähnliche Roboter die Erde bevölkerten? Manchmal sind in der Ferne Schüsse zu hören, ein Echo jenes Krieges, der die Welt in ihrem jetzigen desolaten Zustand hinterließ.

"New Weird" nennt Miéville dieses für sein Schreiben eigens erfundene Crossover-Genre, das ehrfurchtslos Elemente aus Fantasy, Science Fiction und Horror vermischt. Für die Fantastik ist "New Weird" ungefähr das, was einst Cyberpunk für die sauber-sterile Science Fiction der 1960er Jahre war: eine rotzige kleine Schwester, die den Finger unerbittlich in die Wunden der Gesellschaft legt. So ist es vor allem der wohldosierte Unterstrom aus philosophischen Überlegungen, Psychoanalyse und politischer Theorie, der Miévilles Werk interessant und lesenswert macht.

Wie eine Eidechse in einer Flasche

In Dieser Volkszähler entwirft der Autor eine klaustrophobische Welt ohne Außen, die den Protagonisten bis zum Schluss nicht entlassen wird. Selbst das Brückendorf, in dem der Junge Zuflucht sucht, bleibt letztendlich Teil einer labyrinthischen Spirale, die ihn wieder und wieder zum Ausgangspunkt zurückwirft. Zwar wird das Dorf als "kleiner Knotenpunkt auf den Routen der Hausierer" beschrieben, doch was in der übrigen Welt passiert – falls diese überhaupt noch existiert – erreicht die Bewohner einzig in Form bruchstückhafter Gerüchte und exotischer Fleischstücke.

Eine Stimmenvielfalt gibt es nicht, geschweige denn eine neutrale Perspektive. Sowohl die Kleinfamilie in ihrer Berghütte als auch das von der Außenwelt abgeschnittene Dorf erfüllen sämtliche Kriterien einer Mikrodiktatur. Selbst die Autoritäten, die sich der Mordbehauptung des Jungen annehmen, erscheinen wenig vertrauenswürdig. Da es keine ständige Polizeipräsenz im Dorf gibt, übernehmen Laien temporär die Aufgaben der Staatsgewalt. In diesem Fall: Ein Jäger, eine Lehrerin und ein Fensterputzer. Kein Wunder, dass niemand dem Jungen glaubt. Wie jene Eidechse in der Flasche, die er beim Markttreiben entdeckt und mit einer Mischung aus Faszination und Grauen beobachtet, bleibt er gefangen unter einer Glasglocke "alternativer Fakten", deren Wahrheitsgehalt keiner je bestätigen oder dementieren wird.

Eine schwer durchschaubare Traumlogik

Ebenso unklar bleibt, ob die fantastischen Elemente Teil jener "weirden" Weltordnung sind, oder vielmehr der überdrehten Fantasie eines traumatisierten Kindes entspringen. Flugunfähige "Abscheuvögel" bevölkern den Berg; Bäume wandern umher; schemenhafte Gestalten schälen sich aus dem Nebel und lösen sich wieder auf. "Ich wusste nicht, ob ich etwas Reales gesehen hatte, denn der Berg spuckt seine eigenen Albträume aus", sinniert der erwachsene Ich-Erzähler.

Die Schlüssel des Vaters, behauptet der Junge, hätten magische Fähigkeiten – oder mystifiziert er einfach nur die Kräfte des Gefürchteten? Immer wieder wird er davon Zeuge, wie der Vater auf brutale Weise Tiere tötet. Nicht, um sie zu essen, sondern um ihre Kadaver in ein gigantisches Loch zu werfen, in dem auch die Hausabfälle verschwinden. Vielleicht haben wir es mit der ausufernden Vorstellungskraft eines auf sich gestellten Kindes zu tun, das sich die undurchsichtigen Rituale der Erwachsenen zu erklären versucht. Oder aber der Vater ist tatsächlich ein kaltblütiger Mörder, der den Jungen seinerseits in einen Kokon aus Lügen und Beschwichtigungen einzuspinnen weiß.

"Wenn man ganz still steht und die Augen schließt, sieht man manchmal Felsen hinter den Augenlidern", versucht der Junge die Ungewissheit in Worte zu fassen. "Oder man erkennt bestürzt, dass die Dinge eine andere Form haben, als man glaubt." Die schrecklichste Gefahr, so viel jedenfalls ist klar, geht bei Miéville nicht von andersweltlichen Monstern aus, sondern von denen, die uns vermeintlich am nächsten stehen – zum Beispiel den eigenen Eltern. Damit hat Dieser Volkszähler einiges gemein mit Neil Gaimans fantastischer Erzählung Der Ozean am Ende der Straße. Mit dem Unterschied allerdings, dass sich Gaiman – wie auch Miévilles Vorgängerwerke – sowohl auf einer übersinnlichen Ebene als auch auf seinen psychoanalytischen Subtext hin lesen lässt. In Dieser Volkszähler hingegen fehlt die fantastische Benutzeroberfläche beinahe gänzlich, zugunsten einer Vielzahl von kulturwissenschaftlichen Querverweisen. Nicht zuletzt lässt sich die bodenlose Schlucht, die den Zivilisationsmüll (und möglicherweise auch Leichen) schluckt, als ein dem Bewusstsein unzugänglicher Nicht-Ort deuten, an den all unsere dunklen, unkontrollierbaren Gelüste und Ängste verbannt werden – im Sinne von Slavoj Žižeks "Badewannenabfluss" oder "Toilettenschüssel".

Der Plot indes funktioniert nach dem Muster einer schwer durchschaubaren Traumlogik, die sich nie vollends entschlüsseln wird. Schriftstücke, die das Geschehen erhellen könnten, entpuppen sich als unleserliche Palimpseste. Betreten Sprechpositionen von außen die Szenerie, so klingen sie, als wiederholten sie lediglich etwas Aufgeschnapptes, Unverstandenes, was den kryptischen Stille-Post-Effekt nur verstärkt. Bisweilen gleitet dieses allzu Nebulöse ins Beliebige.

Eins jedoch beherrscht Miéville brillant: Den Sog an den Rändern des Nichts unwiderstehlich zu machen. Letztendlich ist Dieser Volkszähler wie ein Horrorfilm, bei dem man sich die Augen zuhält, in der Hoffnung, den Schrecken auf diese Weise zu mildern. Miéville übernimmt die Rolle unserer Fantasie, die Abwesenheit der Bilder mit noch viel grauenhafteren Albträumen zu füllen.


China Miéville: Dieser Volkszähler. Übersetzt von Peter Torberg. Liebeskind, München 2017. 176 Seiten, 18,00 Euro.