Das Schweizer Unternehmen dacadoo hat einen Gesundheitsindex ("Health Score") entwickelt, der einen Wert von 0 (schlecht) bis 1.000 (hervorragend) erreicht und in Abhängigkeit von Körperwerten und Aktivitäten nach oben oder unten geht. Wer Treppen steigt und joggen geht, dessen Score steigt, wer wenig schläft und fettig isst, dessen Score sinkt. 

Es ist nur eines von vielen Beispielen einer zunehmenden Vermessung und Quantifizierung unseres Alltags, die der Soziologe Steffen Mau in seinem neuen Buch Das Metrische Wir beschreibt. Rating-Agenturen bewerten die Bonität von Staaten. FinTech-Startups berechnen mit statistischen Verfahren Kreditscores für Privatpersonen. In der Wissenschaft, wo sich Reputationsscores zunehmend als Leitwährung etablieren, messen sich nicht nur Universitäten in globalen Rankings, sondern auch Professoren an Impact Factors, die indizieren, wer wo wie häufig mit seinen Artikeln in angesehenen Fachzeitschriften zitiert wird.

Und selbst auf dem Liebesmarkt gibt es Metriken: Auf der Dating-Plattform Tinder bestimmt ein geheimer Elo-Score, wer attraktiv ist und mit wem gematcht wird.

Die zentrale These, die Mau in seinem Buch entwickelt, ist, dass die "quantifizierenden Zuweisungen von Statusrängen" die Ungleichheitsordnung verändern, weil bislang Unvergleichbares wie Gesundheit oder Attraktivität miteinander vergleichbar und in ein hierarchisches Verhältnis gebracht werde.

Noch mehr Wettbewerb im Leben

Nun könnte man aus neoklassisch-liberaler Perspektive einwenden, dass die Offenlegung dieser Marktinformationen zu mehr Transparenz und Wettbewerb führt. Zahlen suggerieren ein Mindestmaß an Objektivität. Doch Mau zeigt auf, dass genau das Gegenteil eintritt: Durch die Scorisierung entsteht eine opake Bewertungsmacht, bei der intransparente algorithmische Prozeduren – der Soziologe spricht von "Arkanpraktiken" – über die Bewilligung eines Kredits bestimmen oder sogar, wie in einigen US-Bundesstaaten, über die Höhe der Haftstrafe entscheiden.

"Die zunehmende Verdatung des Sozialen liefert den Rohstoff für eine tatsächliche oder scheinbare Objektivierung gesellschaftlicher Vergleichsoperationen", schreibt Mau. Es gehe jedoch gar nicht so sehr um die reine Vergewisserung von Rang und Status, sondern zugleich um die "Stärkung eines kompetitiven Modus der Vergesellschaftung". Gerade weil wir davon ausgehen, dass alle anderen den Statusdaten Relevanz zuschreiben, werden sie auch für uns wichtiger.

Die Rhetorik von dacadoo, der Health Score sei so etwas "wie Ihr eigener Aktienkurs Ihrer Gesundheit", ist entlarvend, weil das Ziel des Informationskapitalismus darin besteht, alles immer börsenähnlicher zu machen. Insofern ist das Vergleichsregister ein neoliberales Vehikel, die Menschen noch schneller im Hamsterrad der Leistungsgesellschaft rennen zu lassen. Das Feilen am eigenen Fitnessplan wird zur obsessiven "Statusarbeit". Der Voluntarismus des Self-Trackings könne aber leicht in eine Pflicht oder gesellschaftliche Erwartung umschlagen, warnt Mau.

Quantified Self - Gesünder durch Kontrolle per Selbstvermessung? Maximilian Gotzler misst regelmäßig Schrittzahl, Fettanteil, Schlafdauer und Blutwerte. Was ihm das bringt, erzählt der ehemalige Leistungssportler im Video.