Die deutschsprachige Literatur hat ganz offensichtlich ein Problem. Dieses Problem liegt nicht in der Literatur selbst, sondern wird von jenen produziert, die in ihrem Dunstkreis wirtschaften. Notorisch scheint ein Großteil von ihnen dem Zwang zu unterliegen, ängstlich die eigene Marginalisierung zu beschwören, den schier unvermeidlichen Untergang, der unheilvoll am Horizont dräut: Medienkonkurrenz, allgemeiner Bildungsverfall, pipapo.

An keinem Ort zeigt sich das so deutlich wie bei den Tagen der deutschsprachigen Literatur, dem Bachmann-Wettbewerb, im österreichischen Klagenfurt. Wenn hier alljährlich 14 Schriftstellerinnen und Schriftsteller eingeladen werden, coram publico und vor einer siebenköpfigen Jury ihre Texte zu präsentieren, dann ist das kaum noch denkbar ohne das Hintergrundgrummeln, wie fatal es mal wieder steht ums Große und Ganze. Und um die während der drei Wettbewerbstage diskutierten Texte ohnehin, die ja nur Ausweis sind für die ganze Misere.

Die diesjährige Eröffnungsrede des Schriftstellers Franzobel hätte man insofern um ein Haar als ein gekonntes Stückchen Konzeptkunst lesen können. Herausgehauen aus dem Plattitüden-Steinbruch wurde da ein kulturpessimistisches Lamento ausgebreitet, das eigentlich nur Parodie hätte sein dürfen, leider wohl aber nicht sein sollte: Das gedruckte Buch zuckt nur noch leise, ist aber quasi schon liquidiert, Spielertransfers in der Zweiten Fußball-Bundesliga interessieren die Welt mehr als die Neuerscheinungen von Romanen, die vormals als bedeutsam gegolten hätten. Und noch dazu traut die Literatur sich ja ohnehin nichts mehr, von gesellschaftspolitischer Brisanz oder gar Diskurstauglichkeit ganz zu schweigen. Ohne schlagkräftige Selbstgeißelung und Opferrolle geht hier nichts.

Glücklicherweise ist es die Literatur selbst, die auf Phrasenbrei dieser Art die beste Antwort zu leisten vermag. So etwa tat das gleich am ersten Lesetag  auf famose Weise John Wray. Es mag zunächst verwundern, dass der Amerikaner Wray, der mit Die rechte Hand des Schlafes, Der Retter der Welt und zuletzt mit Das Geheimnis der verlorenen Zeit bereits vielbeachtete Romane veröffentlicht hat, zu einem deutschsprachigen Literaturwettbewerb eingeladen wird. Zu verdanken ist dieser Coup der Jurorin Sandra Kegel, die in den vergangenen Jahren mit Nora Gomringer und Sharon Dodua Otoo die späteren Bachmann-Preisträgerinnen ins Rennen geschickt hat. Kegel fragte Wray, dessen Mutter aus Kärnten stammt und der mehrere Monate im Jahr dort verbringt, ob er nicht einen Text auf Deutsch schreiben könne – die Teilnahmevoraussetzung für den Bachmann-Preis.

Das Untergangsgeheule Lügen gestraft

Und wie Wray das kann! Und wie er noch dazu mit leichter Hand und charmantem Witz all jenes Untergangsgeheule Lügen straft. Sein Text Madrigal setzt ein mit dem Telefongespräch zweier Geschwister. Sie, Schriftstellerin, von einer langwierigen Schreibblockade geplagt und auf Antidepressiva eingestellt. Er, einigermaßen arrivierter, umtriebiger Schriftsteller, der zu Beginn ein großes Lamento anstimmt: die Klage über einen erfolgreicheren Kollegen. Das Ritual der "Autopietà" nennt Wray mit leiser Ironie dieses identitätsstiftende Ausstellen des eigenen Leidens. Sie wolle diesen Scheiß nicht mehr hören, fährt die Schwester den Bruder an: "Ich könnte dir all deine Beschwerden jetzt schon aufsagen, ohne ein weiteres Wort hören zu müssen. Mir ist sogar die Reihenfolge vertraut." Ohnehin lässt Wray uns nur für wenige Zeilen in dem Glauben, wir würden einem Telefongespräch lauschen, um abrupt einen veritablen poetischen Wunderreigen zu eröffnen und uns durch Spalt um Spalt in immer neue Welten schlüpfen zu lassen. Eben diese fortwährende Irritation des sicher geglaubten Bodens ist das, was gute Literatur vermag.

Dass bei einem solchen Text, der Jury und Zuhörer begeisterte, am Ende doch Teile der Jury monierten, Wray habe zu viel Virtuosität an den Tag gelegt, zu viele Geschichten und poetische Verfahren auf kurzer Strecke aus dem Hut gezaubert, ist fast schon nicht mehr ärgerlich, nur verwunderlich. Als würde man sich selbst auf poetische Schonkost setzen wollen. Realismus mit ein wenig Aktualitätspanade hat offenbar für viele Leser immer noch etwas Beruhigendes. Dem mag geschuldet sein, dass Wray am Ende nicht mit dem Bachmann-Preis ausgezeichnet wurde, sondern den neu eingeführten Deutschlandfunk-Preis erhielt, den inoffiziellen zweiten Platz.

Pirouetten im österreichischen Idiom

Aber sei es drum. Eigentlich möchte man Wray und den Gewinner der Tage der deutschsprachigen Literatur, Ferdinand Schmalz, gar nicht gegeneinander abwägen müssen. Denn auch Schmalz, der bisher vor allem als Dramatiker in Erscheinung getreten ist, hat mit mein lieblingstier heißt winter ein ebenso lustiges wie existenzielles, dabei sprachlich brillantes Stück Literatur geschrieben. In ihm – ähnlich, aber eben doch ganz anders als bei Wray – dürfen unsere herkömmlichen Vorstellungen von Natürlichkeit und Künstlichkeit lustvoll Loopings schlagen. Die Last der Abwägung musste am Ende die Jurorin Sandra Kegel tragen, die beide Autoren nominiert hatte. Vielleicht sollte bald auch mal ein Preis für Juroren ausgelobt werden, die ungewöhnliche und ungewöhnlich gute Texte vorschlagen – denn nicht nur die Diskussion über die Teilnehmer, sondern auch die Vorauswahl der Kandidaten ist ein entscheidender, womöglich hin und wieder zu leicht genommener Teil der Jurytätigkeit.