Wenn es in noch so erhitzten und schnelllebigen Zeiten einen beständigen Konsens gibt, dann ist das die gesellschaftliche Ächtung des Plagiats. Abschreiben gilt als unlauter. Darin sind sich wohl alle einig. Wirklich alle? Naja fast, bis auf eine kleine, offenbar wachsende Gruppe von Autoren (und jenen, die es gern sein wollen), die mit dem Etikett des unkreativen Schreibens werben. Was jene Nischenproduzenten bislang mit mehr oder weniger Aufmerksamkeit betrieben, hat der amerikanische Schriftsteller und Künstler Kenneth Goldsmith nun philosophisch in seinem Buch Uncreative Writing verdichtet. Fasst man die Strategie dahinter zusammen, kann man provokativ sagen: Die Fehler der Schavans und zu Guttenbergs erklären die Schreiber dieser Strömung kurzerhand zur Tugend.

Statt auf Originalität und Exklusivität setzen sie auf Copy & Paste, auf Plagiieren und Transkribieren einfacher wie auch hochintellektueller Texte. Man sucht, cuttet und fügt Bekanntes zu Neuem zusammen. Autorsein als Sampling sozusagen. Das Patchwriting ist geboren, als Kind des digitalen Zeitalters. Sowohl jene, die in den letzten Jahren Jack Kerouacs Unterwegs minutiös Seite für Seite in einen Blog abgetippt haben, als auch jene, die unter dem Namen "Flarf" die schlechtesten Einträge der Google-Suche zusammenflicken, bezeichnet Goldsmith als "Sprachmessies", wobei von der negativen Konnotation dieses Begriffs im Laufe seines manifestartigen Werks nur wenig übrig bleibt. Ganz im Gegenteil, der Autor sieht darin den Beginn einer neuen Ära. "Ohne Frage bereitet das alles die Bühne für eine literarische Revolution." Also Schluss mit einer "festgefahren[en]" Buchlandschaft, wie sie der amerikanische Denker beklagt.

Äpfel-Birnen-Vergleich

Dass man nun auch in Einkaufszetteln oder Amazon-Kundenrezensionen große Artefakte identifizieren kann, rührt von einer uralten Grundsatzdiskussion her, die eng mit der ironischen Frage verknüpft ist: "Ist das Kunst oder darf das weg?" Daher legitimiert Goldsmith die von ihm mitbegründete Bewegung auch mit Blick auf Maler und Designer. Yoko Ono, Dan Flavin oder Marcel Duchamp mit seinen Ready-mades werden als Gewährsmänner angeführt. Während einige heute noch der verträumten Vorstellung des von nächtlichen Musen erweckten Künstlergenies nachhängen, haben jene Rebellen des 20. Jahrhunderts den kreativen Schöpfer vom Thron gestoßen – frei nach dem Motto: Was Kunst ist, entscheidet einerseits der Betrachter und obliegt andererseits der proklamatorischen Macht dessen, der ein Ding dazu erklärt.

Nur lassen sich diese Sphären wirklich miteinander vergleichen? Basieren die Produktions- und Rezeptionsweisen von Literatur auf denselben wie der bildenden und performativen Kunst? Während letztere vor allem auf dem Liveerlebnis gründet, fordert Literatur zumeist reflexive Distanz ein. Auch eine 900-seitige Abschrift eines bestehenden Klassikers ist, was Zeit und Mühe der Lektüre anbetrifft, wohl kaum mit dem augenblickhaften Betrachten eines Pissoirreplikats wie Duchamps Fountain in Bezug zu setzen. Sieht man von den Äpfel-und-Birnen-Vergleichen einmal ab, so ist die Richtung Goldsmiths klar: Indem er letztlich auch die humorvolle Neuuntertitelung von Pornos oder Hirschbiegels Hitler-Biopic Der Untergang zu ästhetischen Produkten erhebt, wird die Zielrichtung unmissverständlich erkennbar: Postmoderne ahoi! Der Autor ist noch immer oder schon wieder tot. Roland Barthes lässt herzlich grüßen.

Vision ohne Neubeginn

Wo letztlich alles beliebig ist, zählt die Effizienz. Uncreative Writing bedeutet Goldsmith zufolge, seltener zu scheitern und Schreibblockaden Adieu zu sagen. Selbst seinen Studenten preist er die Technik an, lässt sie Audiodateien transkribieren und Texte abschreiben. Je länger man bewusst auf Kreativität verzichte, desto höher sei der Drang, sich wieder ihrer zu bedienen.

Nun ja, die Banalität dieser Rezeptur ist das eine Problem. Das unweit größere ist die fatale Botschaft dieses Werks, die der Autor ohne jeglichen Skrupel selbst ausspricht, sobald er auf den Mehrwert der Technik für seine Methode eingeht: "Vielleicht sind die besten Autoren der Zukunft solche, die die besten Programme schreiben können, mit denen man sprachbasierte Praktiken manipulieren, parsen oder verteilen kann." Bald sei gar davon auszugehen, dass die "klügsten Köpfe hinter ihnen [den Maschinen] als unsere größten Schriftsteller gelten werden" – es bleibt zu hoffen, dass dieses Pamphlet möglichst wenige Leser finden mag. Seine Vision wäre wohl kein Neubeginn, sondern schlichtweg das Ende der Literatur.

Kenneth Goldsmith: Uncreative Writing. Matthes & Seitz. 351 Seiten, 30,00 Euro