Arbeitstreffen von Schriftstellern mit ihren Verlegern können eine delikate Angelegenheit sein. Zum ersten Mal kommt der Arbeitsprozess vergangener Monate, vielleicht sogar Jahre, auf den Prüfstand, wird gewogen und eventuell für zu leicht empfunden. In seinem Roman Touristenfrühstück schildert der georgische Autors Zaza Burchuladze eine solche Szene mit seinem Verleger, der ihn auf den Kopf fragt, für wen er das eigentlich geschrieben habe, "welchen allgemeinen Wert meine Tagebücher hätten, da ich weder Stephen King noch Stephen Hawking sei". Eine durchaus berechtigte Frage, schließlich steht zwar Roman auf dem Buchdeckel, genau genommen handelt es sich aber um größere und kleinere Episoden aus Burchuladzes Leben im Berliner Exil. Es könnte eine Sammlung von Zeitungskolumnen sein, würde es in Georgien noch eine Zeitung geben, die sich traut, Burchuladzes Texte zu drucken. Zu häufig hat der Autor gegen den im Land herrschenden religiösen Fundamentalismus gewettert, sogar der Präsident drohte ihm im Fernsehen und Burchuladze wurde auf offener Straße krankenhausreif geprügelt. Deswegen das Berliner Exil.

In direkter Nachbarschaft zum Humboldthain bestreitet Burchuladze gemeinsam mit seiner Frau Salome und der gemeinsamen Tochter Alissa Chihiro einen ziemlich unspektakulären, fast langweiligen Alltag. Einmal geht er zur fälligen Interferonbehandlung seiner Hepatitis C, dann wird der neue Roman von Jonathan Franzen bei Dussmann gekauft, ein andermal geht er mit dem befreundeten Schriftstellerkollegen Vladimir Sorokin essen. Das ist alles schrecklich langweilig und gleichzeitig ungemein schmerzhaft, weil aus jeder Silbe der Verlust des Publikums, des Resonanzraumes, ja sogar der unfairen Kampagnen der ideologischen Gegnerschaft zu lesen ist: "Ich weiß nur, dass ich schreibe, um die Leere zu füllen, die ich mit jedem Tag stärker verspüre, ein Vakuum um mich herum und in mir selbst."

Tatsächlich ist es die Leistung dieses Romans, den schalen, unvollständigen, ungeliebten Alltag fern von Tblissi als vakuumierten Zustand fühlbar zu machen. Nicht zufällig erinnert das an ein Füllhorn Exilliteratur von Brecht bis Zweig, die in den Kanon der deutschen Literatur eingegangen ist. Und wie Thomas Mann an der amerikanischen Ostküste der Weltpresse sagte, "Wo ich bin, ist Deutschland", entdeckt Burchuladze mit zunehmender Dauer seines Aufenthalts immer mehr Züge eines echten Georgiers an sich. 

Nostalgische Verklärung

Was eine Katastrophe für ihn darstellt, gründet sein intellektuelles Kapital doch auf seiner Außenseiterposition, von der aus er lustvoll die masochistische Kultivierung des georgischen Verliererimages kommentiert. Oder wie es sein literarisches Alter Ego ausdrückt "Als Sohn des Kaukasusgebirges sage ich hingegen, dort wo ich mich befinde, existiert die gesamte georgische Unkultiviertheit."

Die langsam einsetzende, nostalgische Verklärung der Heimat mag für Burchuladze ein Problem darstellen, der Leser jedenfalls gewinnt dabei. Insbesondere die humorvollen Sentenzen zur georgischen Geschichte und Kultur, die immer wieder mit Kindheitserinnerungen durchsetzt sind, übertünchen zumindest zeitweise die schwermütige Kopfnote von Touristenfrühstück. Besonders amüsant geraten ist dabei die Beschreibung des georgischen Korruptionsapparates zu Sowjetzeiten, der die Profiteure zu "lukullischen Festlichkeiten und Orgien á la Caligula" zwang, da sich der ergaunerte Reichtum öffentlich nicht zeigen ließ. Was dem Düsseldorfer sein Porsche ist, war dem "Homosowjeticus" offenbar sein Wanst.

In mancherlei Hinsicht bleibt allerdings auch der Autor selbst dem Weltbild des Homosowjeticus verhaftet. Burchuladze trägt seine Bildung nämlich wie einen Bauchladen vor sich her, muss unwillkürlich "an die Passage in Knut Hamsuns Hunger denken", was wiederum "immer einen ähnlichen Effekt" auf ihn hat wie Max Ernsts Gemälde Die drei Zeugen usf. Das mag ein Relikt des Opponierens gegen alle Arbeiter- und Bauernstaatlichkeit sein, dennoch kann einem dieser aus der Zeit gefallene Intellektuellengestus auf die Dauer gehörig auf die Nerven fallen.

Am besten funktioniert Touristenfrühstück entsprechend auch in den wenigen vollends erzählerischen Passagen. Hervorzuheben ist hier insbesondere die Rekapitulation eines rauschhaften Roadtrips ins georgisch-aserbaidschanische Grenzland, welche der Autor gemeinsam mit dem Filmemacher Leos Carax unternimmt. Machart und Haltung erinnern dabei stark an 1979 von Christian Kracht. Tatsächlich erläutert Nino Haratischwili in ihrem Nachwort, die semifiktionale Prosa ihres Landsmannes sei jener Krachts nicht unähnlich, ironiegetränkt und daher nicht immer für bare Münze zu nehmen. Das macht es, zumindest für Nichtgeorgier, ein bisschen schwierig, sich zu Touristenfrühstück zu verhalten. Allerdings wird man dafür entschädigt mit einem kurzweiligen Büchlein, das unkonventionell eine noch nicht ab- und auserzählten Region erschließt.

Zaza Burchuladze: Touristenfrühstück. Roman, aus dem Georgischen von Natia Mikeladse-Bachsoliani. Blumenbar, Berlin 2017, 176 S., 18 €