Die Jury des Deutschen Buchpreises hat getagt; der Börsenverein des Deutschen Buchhandels veröffentlicht die Longlist mit 20 Titeln, aus denen dann im Oktober zur Frankfurter Buchmesse der Roman des Jahres (nicht mehr, wie zu Anfangszeiten seit 2005 noch, der beste Roman des Jahres) gekürt wird.  

Und wenige Minuten nach der Verkündung der Longlist wird es losgehen, das große Spiel, das unter den Kollegen der Literaturkritik zum festen Ritual geworden ist: "Wie bitte? X steht auf dieser Liste? Wie konnte das passieren?" Oder: "Wenn Y fehlt, ist die Liste in diesem Jahr ohnehin wertlos. Ein Skandal, der für die Inkompetenz der Jury spricht." Undsoweiter. Das gehört dazu. Der Deutsche Buchpreis wurde unter anderem dafür geschaffen, das öffentliche Gespräch um die Neuerscheinungen des jeweiligen Bücherjahres anzufachen und lebendig zu halten.

Allerdings: Ich mache da nicht mehr mit. Nicht in diesem Jahr jedenfalls. Vielleicht nächstes Jahr wieder. Im Jahr 2016 war ich Mitglied in der Jury des Deutschen Buchpreises. Dirk Knipphals, Literaturredakteur der taz, hat 2016 eine präzise und scharfsinnige Analyse der auch von außerliterarischen Kriterien stark beeinflussten Juryarbeit geschrieben. Ein großartiger Text, der allerdings ganz bewusst einen extrem nüchternen, sachlichen Tonfall anschlägt und nur andeutet, mit welcher Emotionalität und welch subjektiven Befindlichkeiten die Juryarbeit beim Deutschen Buchpreis verbunden ist. Der Druck, der auf einem Juror lastet, ist groß. Es geht ja schließlich auch um etwas. Auch wenn die Wirkungsmacht des Preises nicht mehr die seiner Anfangszeit ist, ist der Deutsche Buchpreis doch eine der wenigen Auszeichnungen, die noch in der Lage ist, Büchern zum Verkauf zu verhelfen. 

Sieben Menschen mit ganz eigenen Vorstellungen

Daran gemessen waren die Beeinflussungsversuche von Seiten der Verlage geradezu läppisch: Zwei Verlage fragten seinerzeit im Voraus bei mir an, welche Bücher sie denn nun für den Preis einreichen sollten. Ich antwortete höflich, dass ich das auch nicht wisse. Ein Verleger, dem ich seit Jahren in höflicher Distanz verbunden war, bot mir überschwänglich das Du an. Nachdem keines seiner Bücher auf der Longlist aufgetaucht war, hat er mich keines Blickes mehr gewürdigt. Das ist auszuhalten.

Ich aber habe mir 2016 geschworen, nie wieder öffentliche Kritik an der Zusammenstellung einer Buchpreis-Longlist zu üben. Weil ich jetzt weiß, wie viele Hundert kleiner und rein zufällig ineinander gefügter Bausteine dazu beitragen, eine derartige Liste zusammenzubasteln. Sieben Menschen lesen innerhalb weniger Monate rund 150 Bücher. Sie lesen sie selbstverständlich nicht alle; sie lesen, so viel wie reingeht; den Rest prüfen sie. Sieben Menschen mit ganz eigenen Vorstellungen von dem, was literaturfähig ist und was nicht, mit ihrer eigenen Perspektive auf die Welt, das Schreiben und, auch das ist nicht unwichtig, auf den Literaturbetrieb. Sieben Menschen, unter denen sich zwangsläufig binnen kurzer Zeit ein komplexes Gefüge aus Zuneigung, Verbundenheit, Abneigung und Abgrenzung entwickelt. Die Jurysitzungen, die sich über einen ganzen Tag hinwegziehen, sind kleine Schlachten, in denen bereits die Sitzordnung eine Rolle spielen kann.