Esther ist neun Jahre alt. Sie wohnt in Paris und geht auf eine Privatschule. Sie mag die Songs von Kendji Girac (wenn ihr alt seid, werdet ihr das nicht kennen) und ihr Lieblingsfilm ist Rapunzel von Walt Disney. Was Esther am meisten Angst auf der Welt macht, sind Fliegen, die einem in die Nasenlöcher kriechen wollen, wenn man schläft.

© Reprodukt

Ihre beste Freundin heißt Eugénie, sie hat ein iPhone 6 und es gibt nichts auf der Welt, was Esther lieber haben würde. Sie selbst hat nicht mal ein 4! Ihre Eltern erlauben ihr das nicht. Ihren Kindern wird Esther sofort nach der Geburt ein iPhone 6 kaufen, die sollen es mal besser haben. Immerhin darf Esther zum Musicalunterricht gehen. Sie ist sehr begabt (sagt die Lehrerin) und ist außerdem auch ziemlich geschmeidig – und wer schön sein will, muss geschmeidig sein, so ist das eben.

Weil ihre Eltern nicht so reich sind, muss Esther mit ihrem großen Bruder Antoine in einem Zimmer wohnen. Der ist ziemlich doof. Aber gut, er ist nun mal ein Junge – und was soll man über sie schon sagen, sie sind übel. Antoine jedenfalls geht auf eine normale Schule. Alle Jungs dort haben Fußballerfrisuren, nur Antoine nicht, weil sein, also auch Esthers, Vater das nicht erlaubt. Esthers Vater ist überhaupt der allerbeste (sie liebt ihn sehr). Kaum zu glauben, dass er auch ein Junge ist.

"Ich denke, die Hautfarbe ist ganz egal"

Esther ist also ein ziemlich normales weißes Mittelschichtskind aus Paris. Weil ein Freund ihres Vaters zufällig der Comiczeichner Riad Sattouf ist und sie gern aus ihren Leben erzählt, ist Esther außerdem die Hauptfigur eines Comics. Wöchentlich erscheint er auf einer ganzen Seite der Zeitung L'Obs und als Sammelband nun auch auf Deutsch.

"Nach einer wahren Geschichte von Esther A., 9 Jahre alt" steht unter jeder Folge. In denen kann es darum gehen, welche Gerüche Esther mag (die Garage bei ihrer Großmutter) oder nicht mag (ungeschmolzener Käse). Wie sie mit einer Freundin ein Handygame mit einem Katzenavatar spielt. Oder im Geschichtsunterricht wird Jeanne d'Arc durchgenommen – "eine Frau mit einer furchtbaren Frisur. Wie hässlich die Leute damals waren!"

Es kann aber auch darum gehen, wie die Schüler "schwul" als Schimpfwort entdecken. Wie Antoine seine Eltern fragt, ob er vielleicht auch was anderes als Franzose sei, weil sich in seiner Schule die coolen Jungs über ihre Herkunftsländer definieren. Oder ganz allgemein über Rassismus: "Ich denke, die Hautfarbe ist ganz egal. Was wichtig ist, um im Leben klarzukommen, ist Schönheit", ist Esthers Fazit zu dem Thema.

Sie ist auch ein wenig altklug und, wie alle Kinder, oft sehr grausam. Oberflächlich. Politisch unkorrekt. Egozentrisch. Im Ferienlager versetzt sie ohne Skrupel Eugénie, um mit einem cooleren Mädchen das Zimmer teilen zu können. Ein sensibler und seltsamer Junge in der Schule wird für freundliche Aktionen verspottet und einmal sogar von den Mädchen verprügelt. Und die Trauer um die Opfer des Charlie-Hebdo-Anschlags nutzt Esther vor allem, um Eugénie zu trösten, mit der sie Streit hatte – "So ist doch noch alles gut ausgegangen", sagt sie, als sie ihre Hälfte des Freundschaftsarmbands wiederhat.