Wenn alles Schreiben autobiografisch ist, wie manche mit dem Flair radikaler Gewitztheit behaupten, dann ändert das nichts daran, dass manche Literatur eben noch "autobiografischer" ist als andere. So sehr Flaubert Madame Bovary gewesen sein mag, er war schon noch ein bisserl mehr Gustave Flaubert. Ob in fiktionalisierter Form, als Recherche oder unverstellt bekenntnishaft hat die autobiografischere Literatur seit Jahren Konjunktur und den Lesern eine Unzahl von Lebens- und Leidensgeschichten beschert. Das hat, wie die Kritikerin Ursula März einmal triftig mutmaßte, damit zu tun, dass das figurenstarke und fabulierfrohe Storytelling in die üppig blühende Serienkultur der Fernsehsender und  Streamingdienste abgewandert ist, und sich die Literatur zusehends auf die Authentizitätseffekte der – wertfrei formuliert – Selbstbeschau verwiesen sieht.

Richard Fords Elternbuch Zwischen ihnen passt einerseits in diesen Trend und unterscheidet sich andererseits deutlich von den meisten Anstrengungen auf diesem Sektor. Wo beim Ironman des autobiografischen Schreibens, Karl Ove Knåusgard, zwischen dem Öffnen und dem Schließen der Kühlschranktür gefühlte fünfzig Seiten vorüberziehen, da benötigt Ford keine 150, um das Leben seiner Eltern zu erzählen, und zwar –  eine weitere auffällige Eigenart – nicht als eine Geschichte, sondern in zwei unterschiedlichen Texten, die sich, bei allen unvermeidlichen Überschneidungen, auf den Vater beziehungsweise die Mutter konzentrieren.    

Dramatisierung wird verweigert

Das hat sowohl erzählethische als auch produktionsästhetische Gründe. Zum einen will der Sohn Vater und Mutter gleichsam die ungeteilte Aufmerksamkeit zukommen lassen, anstatt sie nur als nuptiales Doppelwesen zu würdigen. Zum anderen sind die beiden Teile zu ganz unterschiedlichen Zeiten entstanden: Während der zweite, Meine Mutter. In Memoriam, zeitnah zum Tod von Edna Ford im Jahr 1981 verfasst wurde, lag zwischen dem Lebensende Parker Fords und der Niederschrift von Weg. Erinnerungen an meinen Vater über ein halbes Jahrhundert.

Aber auch der Modus, in dem Ford vom Leben seiner Eltern berichtet, bedarf näherer Erläuterung: "Von ihrer Mutter gibt es mehr zu erzählen – eine ganze Geschichte", merkt der Autor einmal in Hinblick auf seine Großmutter an. Die Lebensläufe von Edna und Parker aber wollen sich nicht zu Lebensgeschichten runden, was nicht nur mit dem frühen Ableben des herzkranken Vaters zu tun hat, sondern auch damit, dass sich der Sohn mit sanfter Renitenz jeglicher Perspektivierung oder gar Dramatisierung verweigert, die sich anheischig machte, die Existenz von Vater und Mutter "auf den Punkt" zu bringen.

Richard Ford mit seinen Eltern Edna und Parker, 1945 © Archiv Richard Ford

Zwischen ihnen ist ein vollkommen uneitles Buch, das auf alle pathetischen Posen – und sei’s die des zerknirschten, mit den  Versäumnissen gegenüber den eigenen Eltern hadernden Sohnes – verzichtet. Man wollte es als ein "redliches" Unterfangen charakterisieren, wäre dieses Adjektiv nicht bedauerlicherweise von einer Aura müffelnder Biederkeit umflort. Ford hat sich vorgenommen, "nur zu schreiben, was ich tatsächlich weiß und nicht weiß". Diese Haltung ist aller Ehren wert, sie hat aber – wie jede Haltung, die diesen Namen verdient – auch ihren Preis. Dem Lektürevergnügen nämlich ist sie nur bedingt zuträglich.

Mangelhaftigkeit der Erinnerung

Wo der hochgepixelte Hypernaturalismus  Knausgårds ein fotografisches Gedächtnis fingiert und noch den Schraubverschluss der Limoflasche im Kühlschrank gestochen scharf ins Bild rückt, das überlässt sich dessen US-amerikanischer Kollege den Unzulänglichkeiten seines Erinnerungsvermögens. Das ist zwar "realistischer", nicht notwendig aber überzeugender, denn  literarische Authentizität verdankt sich weniger dem Umstand, dass man niederschreibt, wie es wirklich gewesen ist, sondern der ästhetischen Anstrengung, es darzustellen, wie es glaubhafter Weise gewesen sein könnte. (Apropos Fotorealismus: Die sechzehn s/w-Fotos aus dem Familienalbum mit Aufnahmen aus den Jahren 1929 bis 1984, die in der amerikanischen Ausgabe enthalten sind, fehlen in der deutschen vollständig).

"Ich kann mich nicht erinnern", "ich weiß nicht" beteuert und -dauert Ford immer wieder die Mangelhaftigkeit seiner Erinnerungen vor allem an den aus beruflichen Gründen immer wieder abwesenden Vater – was angesichts der Distanz von 55 Jahren auch nicht weiter verwunderlich, beim Lesen aber mitunter etwas enervierend ist.