Diese gottverdammte Fernbedienung in seiner Hosentasche. Douglas Raymer trägt sie mit sich herum als ein ständig fühlbares Zeichen seines eigenen Versagens. Die Fernbedienung gehört zu einem Garagentor. Das Garagentor, das mutmaßt Raymer, gehört zum Haus jenes Mannes, mit dem seine Frau Becka ihn betrogen hat. Welches Garagentor allerdings das Gerät öffnet, weiß Raymer nicht. Becka kann er nicht fragen. Sie ist tot. Also steht Raymer, der Polizeichef der fiktiven Kleinstadt Bath im Staat New York, vor einem ungeklärten Fall in eigener Sache, nicht seinem einzigen.

Everybody’s Fool lautet der Originaltitel von Richard Russos Roman, und er trifft das Buch weitaus genauer als die eher irreführende deutsche Übersetzung Ein Mann der Tat. Everybody’s Fool, das ist Raymer tatsächlich. Genauer gesagt: Er macht sich selbst in schöner Regelmäßigkeit zum Narren, aus Unsicherheit, Ungeschicklichkeit und mangelndem Selbstwertgefühl. So wie seinerzeit im Wahlkampf, als er Visitenkarten drucken ließ und er mit der doppelten Verneinung nicht so richtig klarkam. "Wir sind erst zufrieden, wenn Sie nicht zufrieden sind", so stand es letztendlich auf der Karte. In Bath und Umgebung erlangten die Visitenkarten schnell Kultstatus und Sammlerwert.

Das Buch ist nach Nobody’s Fool aus dem Jahr 1995 der zweite Roman von Richard Russo, der in Bath angesiedelt ist. Einige der Figuren sind bereits im ersten Teil aufgetreten. Russo, geboren 1949 in Johnstown im Staat New York, hat in Interviews freimütig erzählt, dass es seine eigene Lebenswirklichkeit ist, die er in die Romane transportiert und in Literatur verwandelt hat. Es sind die im Grunde Gesichtslosen, Unbeachteten, vermeintlich Uninteressanten, denen Russo Statur verleiht. Nicht die urbanen Existenzen mit gesellschaftlich relevanten Problemen, sondern die, man darf diesen Begriff hier verwenden, kleinen Leute mit ihren aufgegebenen Träumen, ihren täglichen Dosen an Desillusion, ihren Ehe- und Alltagsdefiziten. 

Hier lebt nur, wer keine Alternative hat

Wie Russo von diesen Menschen erzählt, das wiederum ist ganz große Kunst: Weder verfällt er in Sozialromantik – sympathisch gezeichnet sind Russos Figuren beileibe nicht allesamt –, noch führt er seine Charaktere in distanziertem Spott vor. Russo ist ein gnadenloser Realist, der sich den menschenfreundlichen Blick bewahrt hat. Das ist selten. Darum sind seine Bücher so gut. Und das verbindet ihn im Übrigen mit Stewart O’Nan, einem anderen brillanten Chronisten des amerikanischen Kleinstadtalltags.

Bath also. Allein der wohlklingende Name ist schon ein Witz. Es gibt ein paar Kneipen, einen heruntergekommenen Wohnturm, ein aufgegebenes Hotel und die Ruinen eines nie fertig gestellten Vergnügungsparks. Bei ungünstigen Witterungsverhältnissen legt sich ein übler Gestank über die Stadt, und auch im Untergrund rumoren die Faulgase; Hinterlassenschaft einer mittlerweile stillgelegten, aber nie ordnungsgemäß abgebauten Abdeckerei. Hier lebt nur, wer keine Alternative hat. 

Alle anderen schaffen es mindestens ein paar Meilen weiter, nach Schuyler. Dort gibt es eine Universität, ein Künstlerzentrum und sprudelnde Mineralquellen. Von Bath aus schaut man mit finsterem Blick nach Schuyler. Wenn in Bath ein Projekt in Angriff genommen werden soll, landet es automatisch in den Händen des Bauunternehmers Carl Roebuck; ein Hallodri und Billigheimer vor dem Herrn. Ein Pornosüchtiger mit Prostataproblem noch dazu. So geht es zu in Bath, nicht alles ist ganz und gar verloren, mit Ausnahme eines Ex-Sträflings, der so dumm wie Brot, aber in höchstem Maße gewaltbereit ist und seine persönliche Racheliste abarbeitet. Aber alles von einer Firnis von Trostlosigkeit überzogen.