Normalerweise berichtet unser Kollege Yassin Musharbash für DIE ZEIT und ZEIT ONLINE als Journalist und Reporter über das Thema Terrorismus. Doch in der kommenden Woche, am 7. September, erscheint sein neuer Politthriller "Jenseits" (Kiepenheuer & Witsch), aus dem wir heute das erste Kapitel als Vorabdruck veröffentlichen. Hauptfigur des Romans ist der deutsche IS-Terrorist Gent Sassenthin, der in Rakka lebt, der syrischen "Hauptstadt" des IS-"Kalifats". In dem Buch schildert Musharbash sein Schicksal aus verschiedenen Perspektiven: Aus des Verfassungsschützers Sami Mukhtar, der Journalistin Merle Schwalb, der Eltern von Gent Sassenthin und schließlich, wie in dieser Passage, durch die Augen des Sozialarbeiters Titus Brandt, der die Familie berät. "Jenseits" kreist um die Frage, ob Gent Sassenthin aussteigen will – und wie diese Frage die Sicherheitsbehörden und alle anderen Beteiligten an die Grenze ihrer Möglichkeiten bringt.

Als Titus Brandt das unauffällige kleine Ladengeschäft in der Bergmannstraße verließ und dann von außen abschloss, bemerkte er nicht, dass gleich zwei Menschen ihn beobachteten. Sonst hätte er nicht vor sich hin gesummt. Und ganz sicher hätte er nicht in einem Anfall überreizter Albernheit versucht, den Schlüssel, den er gerade abgezogen hatte, mit einem Wurf aus der rechten Hand und über seine linke Schulter in den halb geöffneten Rucksack fliegen zu lassen, der an den Schiebegriffen seines Rollstuhls angebracht war.

Der Autor und Journalist Yassin Musharbash © Nadia Bseiso

Mit einem Klirren schlug der Schlüssel auf dem Asphalt auf. Titus seufzte, wendete den Rollstuhl und machte sich bereit, den Schlüssel aufzuklauben. Er war auf seiner linken Seite gelandet, sein Gehör hatte ihn nicht getäuscht. Doch bevor er den Schlüssel aufheben konnte, ergriff ihn eine andere Hand. Sie war groß, das war das Erste, was Titus wahrnahm. Dann sah er die dazugehörigen Hosenbeine, eine grau karierte Anzughose mit Aufschlag, und als Nächstes die geflochtenen schwarzen Lederschuhe. Titus hob den Blick und erkannte einen hochgewachsenen Mann von etwa fünfzig Jahren mit schütterem grauem Haar. Der Mann war stämmig, aber nicht dick. Sein Gesicht war rund, und seine Augen waren sehr klein und versteckten sich hinter den dicken Gläsern einer Hornbrille. Der Ausdruck des Mannes war … ausdruckslos, dachte Titus. Nicht freundlich, nicht unfreundlich, nicht offen und nicht verschlossen, als hätte ein Kind ihn gemalt, und sein Gesicht bestünde aus ein paar Strichen und ansonsten aus unbemaltem Papier. Der Mann hielt ihm den Schlüssel hin. Neben dem Mann stand eine Frau, etwa im selben Alter.

"Hier", sagte der Mann.
"Danke", antwortete Titus.
Als Titus die Frau ansah, lächelte sie schüchtern.
"Wir wollten eigentlich reinkommen. Wir dachten, es sei noch geöffnet", sagte der Mann.
Norddeutschland, tippte Titus.
"Kein Problem", sagte er.
"Wir haben von Ihnen gehört", sagte jetzt die Frau und lächelte erneut. Aber das Lächeln war schnell wieder verschwunden.
"Es gab einen Stau", warf der Mann ein.
"Woher sind Sie denn gekommen?", fragte Titus.
"Aus der Nähe von Rostock", sagte der Mann. "Sie sind doch Titus Brandt, oder?"
Titus war eigentlich verabredet. Er trainierte für den Rollstuhlbike-Marathon im September, und in einer halben Stunde wollte er sich mit Ernst auf dem Tempelhofer Feld treffen, um ein paar Runden zu drehen und danach ein Bier zu trinken.
"Wir könnten um die Ecke gehen, da gibt es eine Tapas-Bar", schlug er vor.
"Wir wollen Ihnen keine Umstände machen", sagte die Frau. "Wir könnten bestimmt hier irgendwo ein Zimmer finden und morgen früh wiederkommen."

Sie sah müde aus. Titus fragte sich, ob sie wohl enttäuscht war. Ob sie etwas anderes erwartet hatte als einen Mittdreißiger im Rollstuhl, der Schwierigkeiten hatte, seinen Schlüssel zu verstauen.
"Sohn oder Tochter?", fragte er.
"Sohn", sagte der Mann.
"Gent", sagte die Frau im gleichen Moment. "Er heißt Gent."
"Lassen Sie mich kurz telefonieren", sagte Titus.
Die Bar war ziemlich voll, aber sie hatten Glück und fanden einen Tisch. Den kurzen Weg hatten sie schweigend zurückgelegt. Auch jetzt, da sie saßen, hatte noch niemand ein Wort gesagt. Die Kellnerin brachte die Speisekarten. Der Mann und die Frau schlugen sie auf, legten sie aber gleich wieder auf den Tisch.
"Wo ist ihr Sohn jetzt, wissen Sie das?", fragte Titus.
"Nicht genau", sagte der Mann.
"In Syrien, glauben wir", sagte die Frau. "Er ist vor ungefähr einem Jahr verschwunden."
"Wo wir wohnen, gibt es niemanden, der sich so richtig mit so etwas auskennt", sagte der Mann.

Die Kellnerin kehrte zurück, und Titus bestellte ein Glas Rioja und Schinken und Käse. Der Mann fragte, ob es Bier gäbe. Es gab welches. Die Frau bestellte ein Mineralwasser. Und dann, kurz entschlossen, auch einen Rioja.
"Entschuldigung, Herr Brandt, dass wir Ihnen so aufgelauert haben", sagte sie, nachdem die Kellnerin verschwunden war. "Wir waren uns nicht sicher, ob man einen Termin machen muss. Und dann sind wir einfach losgefahren."
Titus nickte. Er war froh, dass die Musik nicht allzu laut war.
"Wir haben uns noch gar nicht vorgestellt", sagte der Mann. "Sassenthin. Karl Sassenthin. Und das ist meine Frau."
"Elisabeth Sassenthin", sagte die Frau. "Freut mich sehr."
"Meinen Namen kennen Sie ja", sagte Titus.
"Ja, das stimmt", sagte Karl Sassenthin.

Titus saß an einer Seite des kleinen, quadratischen Holztisches, der Mann und die Frau saßen ihm gegenüber, eng an eng. Immerhin, dachte Titus. Er hatte Eltern getroffen, die einander nicht mehr ertragen konnten.
Elisabeth Sassenthin muss einmal eine sehr schöne Frau gewesen sein, dachte er. Ist sie immer noch. Braune, glatte Haare. Hohe Wangenknochen. Große, grüne Augen. Schlank. Karl Sassenthin hatte sich offenbar beim Rasieren am Morgen geschnitten. Ein winziger Schnitt am Kinn, ein dünner, senkrechter Strich verkrusteten Blutes. Er trug eine braune Cordjacke und umfasste sein Bierglas mit beiden Händen, die kräftigen Finger auf der Rückseite des Glases ineinander verschränkt.

"Seit einem Jahr ist er weg?", fragte Titus.
"Ja", sagte Elisabeth Sassenthin. "Zwei Jahre nachdem er den Islam angenommen hat. Er hat nicht mehr bei uns gelebt. Aber wir haben fast jede Woche telefoniert, uns oft gesehen. Und plötzlich war er fort. Von einem Tag auf den anderen."
Den Islam angenommen, registrierte Titus. So wird er es gesagt haben. Sie verwendet seine Worte. "Keine Anzeichen, dass er ins Ausland wollte?"
"Nichts", sagt der Mann. "Da war gar nichts. Ich meine, wir wussten, dass er, wie sagt man das … dass er abgedriftet war, über nichts anderes mehr reden konnte. Aber es gab keine Ankündigung, keine Abschiedsbotschaft, nichts."

"Außer, na ja, er war eine Woche vorher noch einmal bei uns. Er war auf dem Dachboden und kam mit einem Schlafsack wieder herunter. ›Wofür brauchst du das alte Ding denn?‹, habe ich ihn gefragt. ›Ach, ein Ausflug‹, hat er gesagt."
"Elli, daraus konnte man doch nichts ableiten."
"Ich weiß. Ich dachte nur, vielleicht ist es ja wichtig."