"Er mag ein gefährlicher Soziopath sein, aber er ist unser aller gefährlicher Soziopath, deshalb fiebern wir mit ihm, denn, verdammt noch mal, guckt euch doch mal den anderen an." Moment mal, müsste es nicht "die andere" heißen?

In diesem Fall: Nein. Denn hier bezieht sich Laurie Penny ausnahmsweise nicht auf Donald Trump (und damit auch nicht auch Hillary Clinton), sondern auf James Bond. Oder besser gesagt: Auf das Verschwinden einer sexistischen, weißen, imperialistischen Männlichkeit von der Leinwand. Die Parallelen mögen beabsichtigt sein, schließlich verkörpern sowohl Trump als auch Bond – der eine ein bisschen realer, der andere ein bisschen fiktiver – das, was Penny als "toxische Männlichkeit" bezeichnet. Dass "ein gestörter Vergewaltiger, der in staatlichem Auftrag Leute umbringt" nicht mehr notwendigerweise als strahlender Held der Geschichte taugt, scheint die Filmindustrie allmählich einzusehen. Selbst das Mainstreamkino experimentiert zunehmend mit neuen Narrativen, wie die britische Autorin und Bloggerin in ihrem neuen Essay-Band Bitch Doktrin erfreut feststellt. So wurde das Ghostbusters-Remake von 2016 rein weiblich besetzt; in Fury Road, dem vierten Teil der Mad-Max-Filmreihe, ist es die kämpferische Imperator Furiosa, die zusammen mit ein paar Biker-Omas die Welt rettet.

Spätestens seit ihrem Kurzgeschichtenband Babys machen (2016) wissen wir, dass Penny Science Fiction liebt. Ebenso, dass Endzeitstimmung nicht unbedingt eine Rückkehr zu Hypermaskulinität und roher Gewalt bedeuten muss, während die "echten" Frauen zurück an den Herd (respektive das Lagerfeuer) verbannt werden. Angesichts dieses Wandels medial vermittelter Bilder stellt Penny sich die berechtigte Frage, wie zur Hölle es angehen kann, dass sich zugleich in der realen Welt die Schreckensvision einer postapokalyptischen "Bro-topia" abzeichnet. Angeführt vom mächtigsten Mann der Welt, der einerseits weiße Amerikanerinnen vor "mexikanischen Vergewaltigern" beschützen möchte, und andererseits "der ganzen Welt an die Pussy grabschen will". Flankiert von den wiedererstarkenden Ultrarechten in Europa und radikalisierten jungen Männern allerorts, angeheizt und bejubelt vom Kamikaze-Chauvinismus der Alt-Right-Bewegung.

Unschöne Dauerbrenner

Nicht mal auf die männlichen Nerds ist Verlass! Mit deren Verständnis und Bündniswillen hätte Penny eigentlich am ehesten gerechnet. Doch leider hat diese Spezies ganz offensichtlich die existenziellen Kränkungen ihrer Schulzeit noch immer nicht überwunden. Auch wenn sie mittlerweile das Silicon Valley fest in der Hand halten, fühlen sich männliche, weiße Geeks noch immer wie die Unterprivilegiertesten von allen – und verweigern den Belangen von Frauen, Queers und People of Color jegliche Anteilnahme, geschweige denn geteilten Kampfgeist.

Wer Fleischmarkt (2012) und Unsagbare Dinge(2015) gelesen hat, wird in Bitch Doktrin einige Überschneidungen finden. Manche Themen sind nun mal unschöne Dauerbrenner: Sexistische Körperbilder, staatliche Beschneidungen der Autonomie von Frauen, unbezahlte weibliche Pflege- und Emotionsarbeit. Und nicht zuletzt der Schwall an misogynen und homophoben Beschimpfungen, die jede Frau und jede queere Person über sich ergehen lassen muss, wenn sie es sich herausnimmt, ihre Meinung öffentlich kundzutun. Pennys andauernde Hassliebe zum World Wide Web ist nichts Neues: "Oh, du Internet. Ich will so wenig von dir, und immer wieder stellst du mir ein Bein."

Kompromisslos und humorvoll

Dennoch bietet die nun vorliegende Sammlung an Kolumnen und Essays aus den Jahren 2013 bis 2016 weit mehr als ein Kompendium des bereits Gesagten. Ausgehend vom "US-Wahl-Tagebuch 2016" geht Penny auf aktuelle weltpolitische Entwicklungen ein, erstellt ganz nebenbei ein Listicle der kreativsten Bezeichnungen für den amtierenden US-Präsidenten ("konservativer Hatebot, den ein besoffener rassistischer Onkel darauf programmiert hat, dummdreiste Scheinwahrheiten auszuspucken", "schwadronierende Freakshow des Unterbewusstseins" und "personifizierte schlipstragende Erektion" sind einige der Highlights) und wird dabei ihrem Ruf mehr als gerecht, die derzeit wohl angesagteste Stimme des Queerfeminismus zu sein. Ganz sicher jedenfalls die eloquenteste, der es stets gelingt, kompromisslos und humorvoll, flapsig und ernst, zugänglich und intellektuell zugleich zu sein. 

Schon Tina Fey wusste: "Bitches get stuff done." Und so rät Penny allen braven, angepassten Mädchen dieser Welt, sich zur Wehr zur setzen. Zum Beispiel gegen die aktuell grassierenden Tendenzen, weiße männliche Arbeiter gegen die Belange von Frauen, Queers und People of Color aufzuhetzen. Die perfekte Lösung hat Penny natürlich nicht parat. Dafür zwei bis drei pointierte Aussagen pro Seite, die ihre Ansichten und Forderungen präzise auf den Punkt bringen und zugleich so kluge wie unprätentiöse Gesellschaftsanalysen liefern. Zum Beispiel: "Jede Politik ist Identitätspolitik, aber manche Identitäten werden stärker politisiert als andere."