Die Eloquenz mancher Zeitgenossen mag beeindruckend sein. Aber den Raum, den sie sich für ihr Mitteilungsbedürfnis herausnehmen, kann man zuweilen verwundert zur Kenntnis nehmen. Wie weitaus wirkungsvoller und irritierender ist das Gegenteil: Schweigen.        

Linda Boström Knausgård erzählt in Willkommen in Amerika von einem Schweigen, das von Verzweiflung ebenso zeugt wie von einem Überlebenswillen. Und es ist dabei so unheimlich, dass man selbst beim Lesen den Drang verspürt, diese Stummheit zu durchbrechen, ein Fenster aufzureißen oder die junge Erzählerin aus ihrer Erstarrung zu schütteln – obgleich sie immerhin zu uns Lesern ja spricht, leise, zurückgenommen, eindringlich.

"Ich spreche schon seit Langem nicht mehr. Alle haben sich daran gewöhnt." So lauten die ersten Sätze des schmalen Buches. Gewöhnung, nun ja, das ist freilich ein Euphemismus. Das Stummsein wird ertragen von der Mutter und dem älteren Bruder der Elfjährigen. Der Vater ist gestorben, einsam verendet in der Wohnung, in der er nach der Trennung lebte.

Die Klaustrophobie der Verhältnisse

Allein die Art und Weise, wie die Erzählerin – erst sehr spät wird man erfahren, dass sie Ellen heißt – von dem Verlust des Vaters erzählt, zeugt von der katastrophalen Dynamik, in der diese Familie gefangen ist: ein Miteinander, das jeden zu erdrücken scheint, aber an dem jeder mit aller Verbissenheit hängt. Der Vater, offenbar psychisch krank, hat die Familie mit seinen manischen Ausbrüchen genauso gequält, wie er ihr seinen depressiven Phasen alle verbleibende Energie abgesogen hat.

Sie habe Gott beschworen, den Vater sterben zu lassen, erklärt Ellen. Gegen dessen Willen und trotz seines brutalen Widerstandes war der Vater von der Mutter der Familie verwiesen worden und damit aus der Wohnung, in der sich Willkommen in Amerika als beklemmendes Kammerspiel fast ausnahmslos abspielt. Ein Ort, in dem sich die Klaustrophobie der Verhältnisse spiegelt, obwohl das Saalartige der Räume, die Weitläufigkeit der Flure, stets betont werden. 

Wenn das Mädchen beschreibt, wie der Vater immer wieder Einlass in ihr Zuhause verlangt, dann gleicht diese unkontrollierbare Gewalt einem Albtraum. "Eines Nachts kam Papa am Fallrohr hochgeklettert. Er hatte seine Wohnung satt, aber Mama hatte ihm den Schlüssel zu unserer abgenommen. Seine Augen glommen in der Nacht, als er auf den Balkon stieg und wir einander ansahen. Er konnte jederzeit auftauchen. Er tauchte immer auf. Seine schwarzen Augen in der Nacht." Noch nicht einmal die physische Anwesenheit des Vaters braucht es, damit die Tochter Angst vor ihm verspürt.