Erfahrungshunger war nicht nur der Titel eines Buchs, mit dem Michael Rutschky sich 1980 als Analytiker wie Therapeut einer ganzen Generation, zumindest ihres aufgeweckteren Teils, bekannt machte, weil sein Essay vom Imperativ der Allgemeinbegriffe weg und hin zur Alltagsneugier lenkte. Erfahrungshunger war es auch, was ihn selbst antrieb. Eine dezente, aber doch unbändige Neugier für die Lebensromane der anderen, die ungeschriebenen mehr noch als die geschriebenen, für die seltsame Welt des Stammes der Intellektuellen und die geheimnisvollere der "Echtmenschen".

Seine Bücher waren so Glanzstücke einer reflektierenden Teilnahme am Aktualgeschehen im Alltäglichen. Die Wende zum Ende der DDR und deren Beginn als Dibbuk der Bundesrepublik war da geradezu ein Glücksfall. Unterwegs im Beitrittsgebiet lautete der Titel über drei Reisen dorthin, 1989, 1991 und 1993, als die DDR nun erst so recht in den Köpfen entstand. (Nebst einer Exkursion ins Nordhessen seiner Jugend, das vom gehätschelten Zonenrandgebiet zur vernachlässigten Mitte mutierte.) Lang, lang her, 1994 erschienen. Und der Lektüre immer noch höchst wert.

Ein ausschweifendes Hinwenden

Michael Rutschky ist 1943 geboren. In seinem Alter mag sich nun der Hunger aufs Äußere diätischer einrichten, während sich die Erinnerungen ans Einverleibte vordrängen. Man beginnt, sich über die eigene Vergangenheit, zumal übers Geschriebene als pièces de résistance zu beugen. So liest Michael Rutschky in seinem jüngsten Buch in seinen Tagebüchern nach, wie er damals die Welt las. Vorbereitet 2012 durch das Merkbuch, worin er die Notate seines Vaters, eines Wirtschaftsprüfers, aus den Jahren 1951 bis 1973 als Prüfstein jener Jahre nahm, hat er 2015 seine Zeit bei Enzensbergers legendärer Transatlantik und beim Merkur gefiltert und komprimiert, eine Rückschau aufs Neurosengebiet der reformierten Bundesrepublik. Nun hat er sich in dem Band In die neue Zeit. Aufzeichnungen 1988–1992 über die Jahre hergemacht, die eine neue Zeit für Ost wie West bedeuteten. Wie lang ist das nun auch schon wieder her – und doch, was kommt da alles wieder hoch!

Für "Jungmenschen", um einen von Rutschky approbierten Begriff aufzugreifen, mag nicht gelten, was Jules Renard allen anderen Tagebuchschreibern ins selbige notiert hat: "Eine Tagebuchnotiz sollte mehr aussagen als eine ganze Seite [eines Romans, E. Sch.]: wenn nicht, ist sie nutzlos." Rutschky besteht diese Probe auf die Tagebücherei unbedingt, selbst dort, wo er hin und wieder wie ein Nähkästchen plaudert. Das Charakteristikum von Rutschkys Schreiben ist ein ausschweifendes Wenden und Einwenden, sozusagen ein Hinschweifen.

Diese Zeit, die er in seinem jüngsten Buch rekapituliert, ist für ihn persönlich nicht mehr von den existenziellen Sorgen eines Schreibenden geprägt, der vom angestellten Redakteur notgedrungen zum freien Autor wurde. Er hat sich in dieser Freiheit durchaus vernetzt eingerichtet. So spielt denn auch die intellektuelle, zwar nicht Demi- aber doch Semi-Monde des damaligen westlichen Berlins und der Bundesrepublik eine ebenso große Rolle wie das Bewegungsprofil eines von den Kulturinstitutionen gern Angefragten. Man trifft bei ihm auf Genia Schulz, Karin Graf, Angela Krauß oder Helga Königsdorf. Am längsten ist die Liste der Herren: von Mario Erdheim über Martin Scheel, Helmut Höge, Jörg Lau, Stephan Wackwitz bis Thies Lehmann, Konrad Ehlich, Willi Winkler oder Karl Schlögel – und, und, und.

Man kann die Outfits nicht mehr lesen

Im Privaten stehen dramatische Wechsel an, Abschied von Hund Nickel und Willkommen für Kupfer. Die Mutter altert bedenklich, wie überhaupt die damals noch unter Fünfzigjährigen mit Tod der Eltern aber auch der Altersgenossen, mit Krankheit, Suizid und Gebrechlichkeiten konfrontiert werden. Das wilde Leben von einst zeigt sich nur noch in homöopathischen Dosen. Dafür ist man viel unterwegs. In Berlin sowieso, ansonsten Tokio oder Montreal, Wien, London, Paris und New York.

Vor allem aber findet man bei Rutschky Beobachtungen und Selbstbeobachtungen zum Alltag. Fastfood z. B. ist noch ein Thema. Damals wird der Körper noch rasiert statt gewachst und epiliert. Sexuelle Orientierungen machen noch ein wenig staunen. Aus den gemixten Erscheinungen die kleinen Lebensromane zu spinnen, wird immer schwieriger. "Man kann die Outfits nicht mehr lesen"– sagt Rutschkys 2010 verstorbene Frau Katharina resigniert angesichts einer spekulierten Pfarrfrau, die als kesser Vater geht.