Das vor einigen Jahren erfundene neue Format der Shortlist-Kritik ist mittlerweile in die Jahre gekommen. Nachdem der Deutsche Buchpreis gegründet worden war, beugten sich die Auguren jedes Mal über die von einer jährlich wechselnden Jury aus der Jahresproduktion ausgewählten sechs Bücher, aus denen der Preisträger hervorgehen würde – man glaubte, den aktuellen Tendenzen auf der Spur zu sein, den Zeitgeist zu wittern, die rasant zunehmenden Debatten über die deutsche Gegenwartsliteratur anzuheizen. 

Im Lauf der Zeit jedoch stellte sich deutlicher heraus, dass diese Jahreslotterie sehr stark von der Zusammensetzung der Jury abhängt, eine allgemeine Definition der Ausrichtung dieses Preises ist im Grunde unmöglich. Die Bücher, die im jeweils aktuellen Jahr auf der Shortlist stehen, wären in einigen Fällen von der Jury des vorangegangenen oder des nächsten Jahres gar nicht erst nominiert worden. Die Ernennung der Juroren ist geheimen, nie gänzlich zu enträtselnden Mechanismen geschuldet, die in einer speziell dafür eingerichteten Kommission entstehen. Das zahlenmäßige Verhältnis von Buchhändlern, Journalisten und anderweitig verdienten Kulturschaffenden in der siebenköpfigen Jury ist natürlich taktischen Erwägungen geschuldet, die man aber wahrscheinlich nicht überinterpretieren sollte; sie hat viel mit Zufall und atmosphärischen Einflüssen zu tun.

Man merkt auf den ersten Blick, dass in diesem Jahr ästhetische Kriterien an erster Stelle standen, das unterscheidet die jetzige Liste wohltuend von derjenigen des vorangegangenen Jahres. Es handelt sich allesamt um Bücher, die man sprachlich ernst nehmen kann. Die Jury setzte sich auch über die Mittel politischer Absicherung hinweg: Es sind nur zwei Frauen auf der Liste, kleinere Verlage fehlen diesmal völlig. Kaum zu erwarten war, dass der Schelmenroman Peter Holtz von Ingo Schulze übergangen wurde, einem der bekanntesten und bedeutendsten Gegenwartsautoren überhaupt.  Schulze wählte bewusst eine einfache, eingängige, humorvolle Sprache, die erkennbar auf ein großes Publikum zielt. In diesem Fall ignorierte die diesjährige Buchpreisjury in markanter Weise die Zuschreibungen, die mit diesem Preis zwangsläufig verbunden werden.

Eher widerborstig und interessant

Besonders auffällig: Es sind drei Titel aus dem Suhrkamp-Verlag auf der Shortlist, das ist auf jeden Fall ein Rekord. Der Vorliebe für Suhrkamp bei anscheinend gewichtigen Teilen der Jury steht eine gewisse österreichische Orientierung entgegen – anders ist die Nominierung des in den betreffenden Rezensionen nicht sonderlich bejubelten Romans von Franzobel kaum zu erklären. Die schillerndste Nominierung ist sicherlich Sasha Marianna Salzmann. Sie erinnert ein wenig an den Überraschungscoup des Deutschen Buchpreises vor zwei Jahren, den ein Kollege damals so beschrieb: "die Erfindung des Buchpreisträgers Frank Witzel von einer panisch-progressiven Jury im Herbst 2015".

Panisch-progressiv? Der Roman Außer sich von Sasha Marianna Salzmann wurde vor der Shortlist-Nominierung in auffälliger Weise protegiert. Es ist ein Buch, das unbedingt die Gegenwart zu repräsentieren scheint und stark einer zeitgenössischen Bühnen- und Performance-Ästhetik verpflichtet ist. Sprachlich eher eine Wundertüte mit teils überforcierten, teils überrumpelnden Ideen, vor allem aber mitten in die aktuellen Debatten um Identität, Herkunft, Flucht und Heimat zielend. Marion Poschmanns Roman Die Kieferninseln ist dagegen der leiseste, literarisch sicher avancierteste Kandidat aus der Suhrkamp-Riege, da bleibt vielleicht nur eine Außenseiter-Chance übrig. Robert Menasses Roman Die Hauptstadt, der Dritte im Bunde, wirkt eher mehrheitsfähig: Er schafft es, dem nicht gerade prickelnden Thema der Arbeit der EU-Kommission in Brüssel überraschende und unterhaltsame Pointen abzugewinnen.

Eher widerborstig und interessant wirkt auch die Nominierung des Lyrikers Gerhard Falkner, dessen sprachliche Operationen im Roman Romeo oder Julia auf die Rolle und das Selbstbild des Schriftstellers verweisen. Der mutigste Schritt der Jury allerdings war wohl, den sprachlich radikalen Roman Schlafende Sonne von Thomas Lehr hervorzuheben: ein gewagtes, fulminantes Panorama des 20. Jahrhunderts, erzählt in völlig ungewohnter Weise. Eine Ausstellung der aus der DDR stammenden Künstlerin Milena Sonntag im Jahr 2011 bildet den Ausgangspunkt dafür, einzelne zeitgeschichtliche Situationen aus dem Dunkel der Geschichte in ein gleißendes Licht zu heben und verdeckte Figurenkonstellationen und philosophisch-wissenschaftliche Motive zu entfalten. Hier sind Robert Musils Intentionen auf wirklich zeitgenössische Weise weitergeführt worden. Lehr stand mit seinen Romanen, die sich um keinerlei Vorlieben des Mainstreams kümmern, schon zweimal auf der Shortlist des Deutschen Buchpreises. Nie fand sich eine Mehrheit für seine ästhetischen Positionen. Dass er in diesem Jahr wieder nominiert wurde, spricht am meisten für diese Jury.