Gegen diese Form der Gewalt helfen keine präventiven Maßnahmen und keine Abwehrwaffen: "Wer gap dir, Minne, den gewalt, / daz dû doch sô gewaltic bist? / Dû twingest beide junc und alt: / dâ für kann nieman keinen list." Dieses Rätsel der bezwingenden Allmacht der Minne, das einst der erste deutsche Berufsdichter Walther von der Vogelweide in seinen Liedern umkreiste, beschäftigt das poetische Bewusstsein bis in unsere Tage. Das Dilemma des unglücklichen Sängers, dem die Dame seines Herzens ihre Gunst vorenthält – es ist keine Spezialität des Mittelalters, sondern eine eminent moderne Erfahrung. Das belegt nun eine aufregende Lyrikanthologie, die in bislang nie dagewesener Vielstimmigkeit dokumentiert, dass der Grundwortschatz der poetischen Moderne bereits vor achthundert Jahren entwickelt worden ist – in den berührenden Liedern der Minnesänger, die in ritualisierter Weise vom Scheitern unserer Liebeswünsche handeln.

Lange blieb die Beschäftigung mit dem Minnesang den Altgermanisten vorbehalten, glanzvollen Meistern der Mediävistik wie Peter Wapnewski, dem grandiosen Philologen und Interpreten Walther von der Vogelweides. Erst Peter Rühmkorf hatte in den 1970er Jahren mit seinem vorzüglichen Aufsatz über Walther als "genialste Schandschnauze des Reiches" die Tonspuren der mittelalterlichen Dichtung für die Gegenwartsdichtung neu abgemischt. Seither ist nicht viel geschehen in puncto Anverwandlung des Minnesangs. Abgesehen von Dieter Kühns monumentalen Biografien zu Oswald von Wolkenstein und Wolfram von Eschenbach und Rainer Malkowskis Nachdichtung des Armen Heinrich von Hartmann von Aue, hat sich die Gegenwartspoesie nicht sonderlich viel um die herzzerreißenden Lieder der poetischen Vorfahren gekümmert.

Hierarchisierung der Gefühle

Nun haben der junge Lyriker und Mediävist Tristan Marquardt und der designierte Büchnerpreisträger Jan Wagner einen gewaltigen Coup gelandet: Ihre faszinierende Anthologie Unmögliche Liebe, in der rund siebzig deutschsprachige Lyrikerinnen und Lyriker die großen Stimmen der mittelalterlichen Minnedichtung in eigenwilligen und teilweise kühnen Nachdichtungen neu beleben, ist das poetische Ereignis dieses Bücherherbstes. Die wichtigsten Bestände der Minnetradition, insgesamt 141 Lieder aus den vorhandenen Handschriften und Codices, werden hier in neuen Übersetzungen vorgestellt.

Keine Lyrikanthologie der letzten beiden Jahrzehnte hat einen so gewaltigen Echoraum erzeugt, keine Bestandsaufnahme einer versunkenen literarischen Epoche eine so elektrisierende Wirkung auf das poetische Weltgefühl unserer Gegenwartsdichter ausgeübt wie eben die Unmögliche Liebe.

In seinem instruktiven Vorwort skizziert der umtriebige Lyriker, Literaturveranstalter und DJ Tristan Marquardt die Grundrisse des Minnesangs und markiert auch die historische Distanz, die uns von den kulturellen Codes der mittelalterlichen Minnesänger trennt. An der Schwelle vom 12. zum 13. Jahrhundert hatte die kulturelle Elite des Mittelalters mit dem Minnesang ein soziales Erziehungsideal geschaffen, das sich auf die Hierarchisierung der Gefühle und die Domestizierung des Triebgeschehens richtete.

Zerrissenheit heutiger Liebesverhältnisse

Aber was verbindet nun unsere literarische Spätmoderne mit den mittelalterlichen Sängern der unglücklichen Liebe? Marquardt weist sehr zu Recht darauf hin, dass die Ich-Figur, die in diesen Minneliedern auftritt, nicht als autobiografisches Alter Ego des Autors entziffert werden darf, sondern nur als Rollenmaske fungiert, als Stellvertreter für ein entsagendes Ich. Der Minnesang wurde ja einst entworfen als "eine Schule der sittlichen Läuterung mit ästhetischen Mitteln", wie das Peter Wapnewski an den Gedichten Walthers schlüssig gezeigt hat. Aber bereits Walther wie auch Heinrich von Morungen rebellierten gegen diese Rollenfixierungen und durchbrachen das Berührungsverbot, das dem traditionellen Minnesänger auferlegt ist.

Und eine poetisch vielstimmige Revolte gegen die konventionellen Minnerituale wird nun auch in den Nachdichtungen der Unmöglichen Liebe angezettelt. In diese Übersetzungen hat sich ein sehr zeitgenössisches Lebensgefühl eingeschrieben: In den Minneliedern spiegeln sich die Ambivalenz und Zerrissenheit unserer heutigen instabilen Liebesverhältnisse. Der Minnesänger erscheint als Vorbild für die glühende Herzensschrift aller modernen Liebesdichter, die wissen, dass das Begehren hauptsächlich in der Schrift lebt, in der Beziehungswirklichkeit aber allzu häufig zuschanden wird.