"Woher kommst du, Freund?"
"Aus Berlin, Papa."
"Heute? So früh?"

Wir umarmen uns, er schließt die Tür hinter mir wieder ab und setzt sich auf sein Sofa, während ich die Tasche abstelle und den Mantel ausziehe. Ich lasse mich neben ihn fallen und greife, es ist ein Reflex, nach der Zeitung, die er schon zerpflückt hat, ich erzähle, wie früh ich aufgestanden und losgefahren bin – Taxi, Berlin-Alexanderplatz, Flughafen-Express, Flughafen Schönefeld – und beginne gleichzeitig die erste Seite des Sportteils zu lesen. Papa hält den neuen Spiegel in der Hand.

Vorhin bin ich im Flughafenbus aufgewacht, ich muss, dachte ich, in Köln-Bonn gelandet und im Halbschlaf zur Haltestelle gegangen sein, auf einmal saß ich angeschnallt am Fenster und sah den Rhein im Morgensonnenschein, er glitzerte, das Siebengebirge und den Drachenfels im Gegenlicht. Der Bus rollte über die Nordbrücke und bald durch die um kurz vor halb neun fast leere Stadt.

David Wagner, geboren 1971, ist Schriftsteller und lebt in Berlin. 2016 erschien "Sich verlieben hilft. Über Bücher und Serien" und "Ein Zimmer im Hotel". © Susanne Schleyer

"Und der CD-Spieler, ist er nun angeschlossen?", frage ich.
"Ach, der funktioniert nicht."

Ich bücke mich, drücke den Einschaltknopf, nichts passiert. Und entdecke dann, ich lasse meinen Blick am Kabel entlangwandern, dass der Netzstecker nicht steckt.

Papas neue Wohnung – es rüttelt nun an der Tür, es wird auch geklopft – ist vierzig Quadratmeter groß und liegt in einer früheren Bankiersvilla, die, bevor sie Pflegeheim wurde, britisches Internat, Quartier des SA-Hilfswerks, ein Filmstudio und Botschaft der Republik Korea war. Die Comtoise, die bis vor wenigen Monaten in seinem Haus neben dem Wohnzimmerkamin hing, sie zeigt kurz nach halb zehn, hängt nun rechts des weißen Sofas, eines Dreisitzers; links steht die Standuhr, die nicht mehr geht, ein schottischer Regulator, 18. Jahrhundert, früher im Flur neben dem Klavier.

Es klopft wieder an der Tür, aber Papa sagt: "Beachte das nicht, das sind die Verrückten, die mich besuchen wollen. Ich muss die Tür immer absperren."

Der Putz an den Wänden ist sandfarben gestrichen, unter der Decke verläuft rundum eine Stuckandeutung, eine weiße Voute. Es gibt eine Küchenzeile im Durchgang zum Schlafbereich, das Wasser und der Herd sind jedoch abgestellt; Papa soll nicht auf die Idee kommen, zu kochen. Das Schlafzimmer hat drei Fenster zum Park – und weil die Bäume ihr Laub verloren haben, kann ich wieder den Drachenfels sehen, hoch oben gegenüber auf der anderen Rheinseite, er leuchtet in der Sonne.

"Ja, hier wohne ich jetzt. Gefällt's dir? Warst du schon mal da?"
"Ja, Papa. Schon drei Mal."
"Wirklich?"

Im Aufzug sehe ich, er steckt in einem Messingrahmen, den Wochenspeiseplan. Heute Mittag, Samstag, den 24. Dezember, gibt es Gemüsesuppe, ein leichtes Essen also, um fünfzehn Uhr dann Kaffee, Kuchen und Plätzchen zur Weihnachtsfeier.

Papa geht mit mir in den Park, ein Baum, was ist das für einer, blüht jetzt im Dezember zwischen den Mammutbäumen. Er führt mich zu dem nur kniehohen Zaun neben dem großen Tor am Ende der Anlage, diesen Ausgang, seinen Fluchtweg, hat er mir bisher bei jedem Besuch gezeigt, er sagt: "Ich lasse mich hier doch nicht einsperren."

Sein Portemonnaie ragt aus seiner hinteren Hosentasche, rechts, dort steckt es immer. Komisch, dass es ihm nie herausfällt.

Der Rhein, wir spazieren am Ufer entlang, hat wenig Wasser. Auf den trockengefallenen Steinen liegt viel Treibholz, an einer Stelle sogar ein halber Baum, den der Fluss von irgendwoher mitgenommen und hier angespült hat.

Dieser Text erschien unter dem Titel "Hausbesuche III – Bonn" in der Septemberausgabe 2017 des "Merkur". © Klett-Cotta

Papa kommt mir schmal vor, als er am Geländer des Uferwegs steht, seine Beine sind dünner. Spreche ich ihn auf seinen Gewichtsverlust an, wird er wieder sagen: "Ich habe mal zwanzig Kilo mehr gewogen. Und dann abgenommen. Mit Kohlsuppe." Hinter ihm sind der Petersberg und die Drachenburg über der anderen Rheinseite zu sehen, in dem Hotel dort, sagt er, habe er Konferenzen veranstaltet. Er behauptet das vor fast jedem größeren Hotel, an dem wir vorbeikommen, egal wo, hier aber stimmt es vielleicht sogar.

"Die Weinstube ist heute leider geschlossen", sagt er, als wir vor einem Fachwerkhäuschen stehen. Er gehe dort öfter hin, sagt er, er verabschiede sich einfach in den Garten, steige über den Zaun und trinke ein oder zwei Gläser. Eine der Villen, an der wir nun vorbeikommen, eigentlich ein sachlicher Neubau, ist mit großen, leider nicht ironisch gemeinten vergoldeten Löwen verziert. "Jedes Mal, wenn ich die Dinger sehe", sagt er, "würde ich sie am liebsten abschießen. Oder wenigstens mit Farbbeuteln bewerfen."