Jetzt ist es amtlich: Der Deutsche Buchpreis 2017 geht, wie vorher vermutet wurde, an den österreichischen Autor Robert Menasse. Durchaus zu Recht. Menasses Roman Die Hauptstadt, erschienen im Suhrkamp Verlag, beschwört nicht nur den europäischen Geist, er passt zudem perfekt in den heimlichen Kriterienkatalog der Jury: Er hat eine politisch-moralische Botschaft, könnte als Kommentar auf den drohenden Zerfall Europas durchgehen und ist zudem sprachlich und stilistisch gekonnt durchkomponiert. Robert Menasses Brüssel-Roman ist ein Text zur richtigen Zeit über den richtigen Ort. Dafür nimmt man selbst ein paar Längen in Kauf.

Nun könnte man viel über Sinn und Unsinn eines deutschen Buchpreises diskutieren, der dem französischen Prix Goncourt und dem Man Booker Prize nachempfunden ist und den hehren Anspruch erhebt, den wichtigsten deutschsprachigen Roman des vergangenen Jahres würdigen zu wollen. Es dürfte jedem klar sein, dass so ein Anspruch kaum erfüllt werden kann. So viel sei dennoch gesagt: Menasses Roman beschäftigt sich selbst mit diesem Dilemma, in dem der Text auf die geringe Bedeutung der Kultur im europäischen Staatsetat hinweist, an dem einer der Romanprotagonisten, der österreichische EU-Beamte Martin Susman, beinahe zugrunde geht. Der Roman zeigt die Bizarrerie der kulturellen Ignoranz innerhalb des europäischen Apparats, obwohl es ja ausgerechnet die Kultur ist, auf deren Rücken das Projekt Europa gebaut ist. Ohne gemeinsame Kultur hat gemeinsame Wirtschaft, Bildung, Schifffahrt, Fischerei und Gurkenkrümmungsgradregulierung überhaupt keinen Sinn.

Videolesung - Robert Menasse liest aus »Die Hauptstadt« Robert Menasse liest aus »Die Hauptstadt« © Foto: Zehnseiten

Ein still waltender Apparat

Menasse ist so besehen ein Erfüller seiner eigenen Ansprüche, der Autor des ersten Europa-Romans. Er stapelt hoch und fordert ein, dass es gar nicht genug Würdigungen für die Kunst geben kann, gerade wenn sie sich mit der fragilen Zukunft Europas beschäftigt. Nicht zufällig spielen seine Sprache, aber auch die Handlung des Romans mit der Architektur von Der Mann ohne Eigenschaften, also mit Robert Musils fantastischem Opus Magnum, dem großen österreichischen (und eigentlich zutiefst europäischen) Roman des vergangenen Jahrhunderts, der kurz vor dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs spielt und einige österreichische Würdenträger dabei begleitet, wie sie hoffnungsfroh einen Festakt für Kaiser Franz Joseph I. organisieren – und kläglich dabei scheitern.

So wie bei Musil in den Dialogen die Dysfunktionalität und zugleich naive Schönheit des Vielvölkerstaats, der K.-u.-k.-Monarchie, zum Ausdruck kommt, so beschreibt Menasse einige sich selbst im Weg stehende EU-Beamte, die eine Jubiläumsfeier für die Europäische Union organisieren, ohne sich über deren Wert einig zu sein. Bei Menasse gibt es keinen Protagonisten (wie bei Musil Ulrich), sondern gleichberechtigte Figuren, die sich in ihren verschiedenen Nationalitäten, Hoffnungen und Wünschen so sehr unterscheiden und verzetteln, wie es auch die europäischen Bürger untereinander tun. Menasses Brüssel ist ein dunkel waltender und still schaltender Apparat, ein Spiegelbild des babylonischen Getriebes der EU, die aus mühseligen Prozessen besteht, die beängstigen, verwirren, frustrieren, aber auch notwendig und erforderlich erscheinen, beizeiten sogar liebenswert und manchmal sogar ein wenig effizient.