Die kanadische Schriftstellerin Margaret Atwood wurde zum Abschluss der Frankfurter Buchmesse mit dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels ausgezeichnet. Sie wurde für "Humanität, Gerechtigkeitsstreben und Toleranz" in ihrem Schaffen geehrt. Atwood ist damit die zehnte Frau, die den seit 1950 verliehenen Preis erhält.

Der Börsenverein des Deutschen Buchhandels begründete die Entscheidung mit Atwoods politischem Gespür und ihrer "Hellhörigkeit für gefährliche unterschwellige Entwicklungen und Strömungen". Als eine der bedeutendsten Erzählerinnen unserer Zeit zeige sie in ihren utopischen und dystopischen Werken, wie leicht vermeintliche Normalität ins Unmenschliche kippen könne.

Der Börsenvereinsvorsteher Heinrich Riethmüller würdigte Atwood als "Mahnerin für Frieden und Freiheit". Sie zeige, "wie düster eine Welt aussehen kann, wenn wir unseren Verpflichtungen für ein friedliches Zusammenleben nicht nachkommen", sagte er über die Autorin. Atwoods Bücher sind in mehr als 30 Sprachen erschienen. Sie gilt als eine der kritischsten Gegenwartsautorinnen.

Der internationale Durchbruch gelang ihr 1985 mit dem apokalyptischen Roman Der Report der Magd. Darin beschreibt sie, wie sich die USA unter dem Einfluss der christlichen Rechten in eine fundamentalistische Theokratie verwandeln. Die aktuelle und gleichnamige TV-Serie wurde vor Kurzem in Los Angeles mit einem Emmy ausgezeichnet.

Zudem hat Atwood in den vergangenen Jahren in ihrer Endzeit-Trilogie Oryx und Crake (2003), Das Jahr der Flut (2009) und Die Geschichte von Zeb (2013) eine Welt beschrieben, die wegen ökologischer und politischer Probleme vor dem Untergang steht. Ihr Essay Payback. Schulden und die Schattenseiten des Wohlstands (2008) thematisiert die Voraussetzungen und Folgen der weltweiten Finanzkrise.

"Von mir wird erwartet, dass ich die Zukunft kenne"

Die in Atwoods Büchern beschriebenen Zukunftsprognosen fallen düster aus. Im Interview mit der ZEIT sagte sie, aufgrund ihres Gespürs werde häufig von ihr erwartet, in die Zukunft blicken zu können. Sie stelle jedoch nur begründete Vermutungen an. "Die Wetterphänomene werden extremer, wenn wir keine Technologien finden, die uns retten. Dann wird die Lebensmittelversorgung schwierig und die Bevölkerung unruhiger. Ein Aufstand gegen die Regierung wird wahrscheinlicher, welche auch immer dann gerade an der Macht ist. Je nachdem, wie dieser Aufstand ausgeht, wird es danach völlige Anarchie geben oder aber ein totalitäres Regime."

Der Friedenspreis des Deutschen Buchhandels wird seit 1950 vergeben und ist eine der bedeutendsten Auszeichnungen in Deutschland. Geehrt wird damit eine Persönlichkeit aus dem In- oder Ausland, die vor allem auf den Gebieten Literatur, Wissenschaft und Kunst zur Verwirklichung des Friedensgedankens beigetragen hat. Zu den bisherigen Preisträgern zählen unter anderem der Digitalpionier Jaron Lanier (2014), der deutsche Schriftsteller Navid Kermani (2015) und die Publizistin Carolin Emcke (2016).

Die mit 25.000 Euro dotierte Auszeichnung wird vom Börsenverein des Deutschen Buchhandels verliehen, dem Dachverband der deutschen Buchbranche. Die Gewinner werden von einem Stiftungsrat mit einfacher Mehrheit gewählt. Preisträger können von jedem vorgeschlagen werden. Der Rat setzt sich aus Mitgliedern des Börsenvereins sowie Personen aus Kultur und Wissenschaft zusammen.

Der Friedenspreis wird stets zum Abschluss der Frankfurter Buchmesse in der Paulskirche überreicht, wo 1848 die für die demokratische Entwicklung Deutschlands bedeutende Nationalversammlung tagte.