Hélène Cixous ist französische Schriftstellerin und Feministin. Sie wurde 1937 in Algerien geboren. © Fred Dufour/AFP/Getty Images

ZEIT ONLINE: Sie haben eine Theorie des weiblichen Schreibens entwickelt, die die Schrift transzendiert und den Körper, den Sound privilegiert. Ich frage mich: Welcher Sound hat Sie umgeben, damals in Ihrer Jugend, in Oran, Algerien? Welches war Ihre Muttersprache?

Hélène Cixous: Ich habe gerade darüber geschrieben, das Stück heißt Max und Moritz und meine Mutter. Also: M und M und M.

ZEIT ONLINE: Ihre Mutter war eine Jüdin aus Osnabrück, sie hatte sich in das französische Algerien geflüchtet.

Cixous: Ja, und sie sprach mit meiner Großmutter, die 1938 zu uns stieß, nur Deutsch. Als meine Großmutter in Algerien eintraf, konnte sie kein Französisch. Sie lernte es dann irgendwann, irgendwie. Aber mit meiner Mutter sprach sie Deutsch.

ZEIT ONLINE: Sie haben also im französischsprachigen Algerien über das Sprechen ihrer Mutter und deren Mutter Deutsch gelernt?

Cixous: Na ja, ich hörte Deutsch, aber sie haben verhindert, dass ich Deutsch spreche. Ich wollte Deutsch mit ihnen sprechen, ich hatte ein intensives Verlangen nach Deutsch, ich liebte diese Sprache. Aber wann immer ich etwas auf Deutsch zu ihnen sagte, antworteten sie auf Französisch. Oder Englisch. Warum, habe ich erst später verstanden. Es war ja Krieg. In diesen Kriegswirren und bei allem, was man davon wusste, was die Nazis taten, hatten sie Schwierigkeiten damit, Deutsche zu sein. Sie konnten nicht deutsch sein, und sie konnten auch nicht nicht deutsch sein.

ZEIT ONLINE: Und sie konnten kein Französisch miteinander sprechen, weil ihre Großmutter Französisch nicht konnte.

Cixous: Sie sprachen Deutsch, weil es ihnen so nahe war und eine so wunderbare Sprache ist und alle in der Familie Deutsch sprachen. Wenn meine Tante zu Besuch kam, die Mutter meiner Schwester, die erst nach Palästina gegangen war und dann zurück nach Osnabrück und von dort nach England emigrierte, dann plapperten die beiden auf Deutsch. Bis ich ins Zimmer kam und sie in die Sprache wechselten.

ZEIT ONLINE: Sie wurden als Schülerin nach England verfrachtet, damit Sie Englisch lernen.

Cixous: Als ich 13 Jahre alt war, steckten sie mich auf ein Schiff und ich fuhr über das Mittelmeer und kam in Frankreich an und reiste allein weiter zu meinen Cousinen und Vettern nach England.

ZEIT ONLINE: Dieses Erlebnis – im Französisch sprechenden Algerien zu leben, mit einer deutschsprachigen Mutter und Omi, dann das Englische – welchen Einfluss hatte das auf Ihre Theorie des Schreibens als einer Écriture, in der Sound über Schrift triumphiert? Sehen Sie eine Verbindung?

Cixous: Ha. Vielleicht. Vielleicht gibt es die. Jedenfalls war mein Deutsch vollständig mündlich. Als ich es endlich in der Schule wählen konnte, krachte ich ab, es ging nicht. Ich konnte den Sound nicht in die Schrift übersetzen. Meine Großmutter würde sagen: "Schabsonneimhäzn". Und wie sollte ich das auflösen – "ich habe Sonne"?

ZEIT ONLINE: Alle Kinder lernen Sprache natürlich erst über den Sound.

Cixous: Ja, so wie ich ja auch als Kind Hebräisch lernte. Da mein Vater kein praktizierender Jude war, wurden bei uns auch die jüdischen Feste nicht von ihm zelebriert. Aber meine Großmutter, die gar kein Hebräisch konnte, inszenierte diese Feste für uns. Wie Märchen. Sie rezitierte Passagen aus Gebeten, und ich nahm die hebräischen Silben auf und spielte mit ihnen, und es wurden daraus kleine Stückchen Französisch, die aneinanderklebten. Es war ein Spiel mit Signifikanten. Wundervoll, sehr poetisch. Wir hatten viel Spaß.

ZEIT ONLINE: Sie kamen mit 18 Jahren nach Paris – und stiegen dort zum Star der feministischen Intellektuellen auf. Wie fühlte sich das an?

Cixous: Es ging nicht so schnell, wie Sie denken. Und es war die Hölle.

ZEIT ONLINE: Wie lange fühlte es sich wie Hölle an?

Cixous: Ein paar Jahre lang. Ich fühlte mich sehr fremd in Paris. Dann landete ich durch einige Zufälle im Südwesten Frankreichs, in der Provinz, wo ich mich noch fremder fühlte als in Paris, wo es wenigstens andere Ausländer gab. Ich war in Bordeaux gelandet, und dort waren alle aus Bordeaux. Außer mir.

ZEIT ONLINE: Sie waren auch in Frankreich eine Migrantin. Wie kamen Sie heraus aus dem Gefühl des Nichtdazugehörens?

Cixous: Ich traf eine Entscheidung. Ich saß in meinem Zimmer in Bordeaux und entschied mich, die englische Literatur durchzulesen. Einmal durch, vom Anfang bis zur Gegenwart.

ZEIT ONLINE: Wo war der Anfang?

Cixous: Bei Beowulf!

ZEIT ONLINE: Altenglisches Langgedicht, circa 700 nach Christus.

Cixous: Genau. Und dann las ich, weiter, chronologisch, und vor meinem Auge entstand eine historische Kulturlandschaft, die ich liebte.

ZEIT ONLINE:  Sie hatten ein Zuhause gefunden, in der englischen Literatur. Aber wie wurden Sie in Frankreich heimisch?

Cixous: Wir, mein Mann und ich, zogen dann in die Dordogne und ich entdeckte dort die Schönheit der französischen Landschaft. Und in dieser Landschaft steht der Turm von Montaigne. Ich entdeckte die Bibliothek von Montaigne, die dort seit 400 Jahren steht und vollkommen unverändert ist. Diese Bibliothek wurde für mich die Tür nach Frankreich. Noch heute gehe ich jedes Mal, wenn ich in der Dordogne bin, in diesen Turm von Montaigne.