Die Nachricht ereilte mich, wie so manches den Österreicher mit Verspätung ereilt, in der steirischen Landeshauptstadt Graz, mitten in einem Symposion zu Elfriede Jelinek. Ein verschlafener Skandal? Zurück in Wien, ging ich der Sache nach – tatsächlich: In der jüngsten Ausgabe der Fernseh-Literaturtalkshow lesenswert des SWR sagt der Kritiker Dirk Schümer, von Gastgeber Denis Scheck auf seine schlechte Meinung über den Literaturnobelpreis angesprochen: "Wenn man sieht, wie viel Idioten den gekriegt haben – von Jelinek bis Grass." Und der Moderator stimmt zu: "Von Bob Dylan ganz zu schweigen."

Nun könnte man mutmaßen, diese Dokumente verbalen Freistilringens hätten sich der Hitze des Gefechts verdankt, aber nein, kein Gefecht, kein Ringen, kaum Hitze, man pflegt in der Sendung das wohltemperierte intelligente Gespräch. Die Herren waren sich einig in frischeversiegelter Bonhomie, der eine macht, was er für eine launige Bemerkung hält, der andere billigt die billige Injurie, indem er noch nachlegt, allein Insa Wilkes Miene entgleist auf eine der Entgleisung adäquate Weise.

Einfach mal die Sau rauslassen

Was ist das für eine Szene, die ich da gesehen habe? Was verrät sie über das öffentliche Gespräch über Kunst? Was über den Umgang in unserer Gesellschaft? Der Duden definiert "Idiot" mit bemerkenswerter Empathie für den Schimpfwort-Benutzer als "jemandes Ärger oder Unverständnis hervorrufender törichter Mensch; Dummkopf". Nach wie vor gibt es auch die zweite Bedeutung: "Kretin". Man kann kaum annehmen, dass Schümer und Scheck die drei genannten, denkbar unterschiedliche literarische Positionen repräsentierenden Nobelpreisträger tatsächlich für Idioten halten. Auch nicht, dass sie den Begriff im Sinne des neutralen idiotes der Griechen als Privatperson, als "Nicht-Dazugehörigen" (Peter Handke) interpretieren. Warum also fährt ein Literaturkritiker ohne Not anstelle eines Arguments das Geschütz der Ehrenbeleidigung auf? Warum mahnt der Moderator nicht zu moderater Wortwahl oder nennt zumindest den Regelverstoß beim Namen? Sondern spielt selber mit?

Ich glaube, es gibt das uneingestandene Bedürfnis, das trockene, medienwirkungsästhetisch längst in Verruf geratene Geschäft der Kritik durch Anbiederung an die niedrigsten Instinkte des Publikums saftig zu machen. Rettung durch Selbstverleugnung. Endlich einmal dieses ganze langwierige Für und Wider sein lassen. Endlich einmal aus dem Bauch heraus. Frisch von der Leber. Die Sau rauslassen. Endlich die, die man nicht mag, die "Ärger oder Unverständnis hervorrufen", einfach Idioten nennen! Kritiker, die das Florett gegen den Dreschflegel tauschen – sind sie schon in der Phase des Ungeniert-Lebens oder noch dabei, ihren Ruf zu ruinieren?

Ohne Witz und Lustgewinn

Und bei aller Zurückhaltung, die ich mir bei der Beurteilung des Phänomens "deutscher Humor" auferlege: Ich fürchte, das soll auch noch lustig sein. Vor Schecks Frage an Schümer hatte dieser etwas gesagt, was er sichtlich für ein Bonmot hielt, weil er anmerkte, es "immer" zu sagen: "Was interessiert mich, was fünf schwedische Opas lesen?" Und lieber als den Idioten Jelinek und Grass wollte Schümer den Preis Donna Leon zuerkennen, um dann mit ihr in Venedig "schön essen" gehen zu können – ein Versuch der ironischen Spitze, die jedenfalls an der bekennenden Krimi-Liebhaberin Jelinek abprallen muss.

Doch, es ist ein Skandal. Hätte einer sein müssen. Man weiß nicht, was schlimmer ist: dass dem Stammtisch-Erguss ohne Witz jeder Lustgewinn fehlt. Oder dass er auf deprimierende Weise Einsicht gewährt in die Verrohung der Sitten.