"You can't judge a book by its cover", sang einst Bo Diddley. Nimmt man Lize Spits Und es schmilzt zum Prüfstein dieser Aussage, dann hat Diddley recht und auch wieder nicht. Auf dem Umschlag des Romans sind nur der Name der Autorin und der Titel verzeichnet, allerdings in erhabenen Buchstaben aus Eis, in denen allem Anschein nach Teile eines violett blühenden Nadelbaums eingeschmolzen sind. Damit korrespondieren der tannengrüne Schnitt und das amethystfarbene Lesebändchen. Die gediegene Aufmachung signalisiert hohe "Wertigkeit", wie es in der Branche so schön heißt, und daraus lässt sich allemal ableiten, dass der S. Fischer Verlag damit rechnet, das Buch anständig zu verkaufen.

Diese Hoffnung ist insofern nicht ganz aus der Luft gegriffen, als das Debüt der heute 29-jährigen Schriftstellerin im flämischen Original reißenden Absatz fand und sich ein  ganzes Jahre lang auf Platz eins der belgischen Bestsellerliste hielt. So viel dazu. In einem muss man Bo Diddley freilich in jedem Fall zustimmen geben: Nicht nur verrät das Cover nichts von dem, was den Leserinnen und den Lesern bevorsteht, man könnte sogar behaupten, diese würden auf eine falsche Fährte gelockt. Denn mit seiner apart cleanen Ästhetik erinnert das Äußere dieses Buches eher an die Werbekampagne zur Lancierung einer spice-infused Edelwodka-Marke als an das, was einen tatsächlich erwartet: eine gewalttätige und todtraurige Coming-of-Age-Geschichte in einem verschissenen Kuhdorf in den Kempen – jenem Landstrich zwischen Antwerpen und dem niederländischen Nordbrabant, in dem die Autorin aufgewachsen ist.

Der Tod ist von der ersten Seite an präsent

Ort der Handlung ist ein fiktives Kaff namens Bovenmeer. Das ist eigentlich die flämische Bezeichnung für den Lake Superior, den größten der fünf nordamerikanischen Großen Seen, und man kann das getrost als Sarkasmus auffassen, denn groß ist in Bovenmeer gar nichts. Alles gibt es hier nur einmal, weswegen der Fleischhauer "Die Schlachterei", der Bäcker "Der Bäcker" und der Krämer "Das Lädchen" heißt. Nur der Puff trägt den Namen "Das Glück", und Kneipen gibt es sogar zwei: "Oft verließen Männer 'Die Nacht', um nach kurzem Zögern, sich am Türpfosten hochziehend, doch noch 'Willkommen' anzusteuern, wo in den frühen Stunden schon wieder Bier ausgeschenkt wurde."

Man kann davon ausgehen, dass Spit weiß, wovon sie schreibt, und man muss hoffen, dass – vom ruralen Setting abgesehen – nichts davon autobiografisch ist; immerhin ist die Protagonistin und Ich-Erzählerin Eva, die längst in Brüssel lebt und nun nach neun Jahren Absenz in ihren Heimatort zurückfährt, im selben Jahr auf die Welt gekommen wie die Autorin. Evas Familienname, de Wolf, kommt übrigens nur zweimal vor, einmal auf der Geburtsurkunde ihres älteren Bruders Jolan, die zugleich das Ableben von dessen Zwillingsschwester festhält: "Auf der Geburtsanzeige stand neben dem zweiten Namen ein kleines Kreuz, eine Todesanzeige wurde gespart."

Auf diese Weise wird man auf die Tonlage des Romans gut eingestimmt. Der Tod ist von der ersten Seite an präsent. Die Tatsache nämlich, dass sich Eva überhaupt ins Auto gesetzt hat, verdankt sich einer Einladung zu einem Fest für ihren Jugendfreund Jan – Jan, der am 30. Dezember 30 Jahre alt geworden wäre, wäre er nicht schon als Bub tödlich verunglückt; Jan, in den sie damals wohl ein bisschen verliebt und der offenbar der einzige war, der die etwas zu mollige Eva für hübsch gehalten hatte.

Es zerreißt einem das Genick

Einem schönen Bonmot Evas zufolge bedeutet Pubertieren, "von der Vorstellung zu genesen, man könne einfach alles werden". Dieses Stadium hat Eva selbst längst hinter sich gelassen. Dass sie die überflüssigen Pfunde mittlerweile verloren hat, hilft auch nicht viel. "Zum ersten mal sah ich mich in der Spiegelung", erzählt sie, während sich gerade das Finale des Romans wie ein längst überfälliges Gewitter entlädt, ohne dabei jedoch den lakonisch kühlen, geradezu aufreizend sachlichen Erzählton aufzugeben: "Eine Frau, langhaarig, inzwischen kantig und knochig. Bisher lediglich geeignet für Männer mit mäßigen Ansprüchen, für solche, die zwar höher hinaus wollten, aber von ihren eigenen Beschränkungen zurückgepfiffen wurden."

Was mit einem Gewehr, das im ersten Akt an der Wand hängt, spätestens im letzten zu geschehen hat, weiß man von Anton Tschechow. Schusswaffen spielen in Spits Roman keine besonders bedeutsame Rolle, Schlingen schon. Evas Eltern sind nicht nur beide schwere Säufer, sondern auch beide suizidal. Immer wieder werden scharfe und spitze Gegenstände, Medikamente und Putzmittel weggeräumt. "Das kann nicht jeder knüpfen", erklärt der Vater seiner 13-jährigen Tochter, als er in seinem Arbeitsschuppen gerade eine Henkerschlinge angebracht hat: "'Falls man nicht tief genug fällt, bricht das Genick nicht. Dann dauert es lange. Und falls man aus zu großer Höhe fällt, zerreißt es einem das Genick, das will man den Menschen, die einen finden, nicht antun. Oder?' 'Nein, will man nicht', sagte ich."