Frankfurt (Oder) im Sommer 1998. Der 20-jährige Matthias Freier hat seinen Zivildienst hinter sich gebracht und hält sich nun mit Texten für das Stadtmagazin seines Kumpels Fliege über Wasser. Der ist zwar ein Punk und Hausbesetzer, aber auch ein geschickter PR-Unternehmer. Sein neuester Plan: Die mitgliederarme Frankfurter SPD durch einen Masseneintritt übernehmen und bei den anstehenden OB-Wahlen den eigenen Kandidaten durchbringen.

Wer dieser Kandidat sein soll, das ahnt Freier bislang nicht. Heute hat ihn Fliege allerdings in ein Frankfurter Nobelrestaurant eingeladen, um ihm den Lokalmogul Günther Franziskus vorzustellen.


Ich wusste von Franziskus nur so viel wie alle anderen Frankfurter. Er war Millionär oder Milliardär, jedenfalls hatte er irre viel Geld mit seinen Autohäusern gemacht. Er war der Hauptsponsor von Victoria Frankfurt, Chef des Rotary Clubs, und ihm gehörte das Center Hansa Nord. Hin und wieder tauchte er in der Zeitung auf, weil er irgendetwas forderte, einen Autobahnzubringer zum Beispiel. 

Einmal war er in einer ARD-Doku über Oppositionelle in der DDR vorgekommen. Zum Ausstrahlungstermin hatte er die Konzerthalle gemietet und dort eine Live-Übertragung organisiert. Freier Eintritt und Freibier. Da war ich hingegangen, es hatte aber keinen großen Spaß gemacht. Franziskus rannte persönlich durchs Foyer und stellte sicher, dass auch wirklich alle sich zu Beginn der Übertragung hinsetzten. Die Doku war ungefähr so spannend wie die Space Night nachts um drei auf Wodka.

Und nun saß er leibhaftig vor mir. Für jemanden, dem die halbe Stadt gehörte, wirkte er ziemlich gestresst. Er saß nach vorn gebeugt wie auf dem Sprung, sein rechtes Bein wippte unruhig auf und ab. Wenn Fliege sprach, drehte er Daumen. Wenn er "Hm, hm, hm, hm, hm" machte, bedeutete das, dass er Flieges Monolog im nächsten Moment unterbrechen würde. 

Franziskus fragte, zu Fliege gewandt: "Ist er das?" Fliege nickte und wandte sich zu mir. 

"Freier", sagte Fliege und goss sich den letzten Wein in sein Glas, "du musst uns jetzt zuhören."

Zuerst verstand ich Franziskus und Fliege nicht. "Was", hob Fliege an und hielt das Weinglas auf Gesichtshöhe, "was ist heute von der größten Revolution noch übrig, die je auf deutschem Boden stattgefunden hat?"

"Nichts", sagte Franziskus. Auch er hob sein Glas. Innerlich stöhnte ich auf. Außerdem war ich immer noch skeptisch. Klar war es beeindruckend, wie die Leute bei unserer Demo nach Flieges Satz johlten: "Wir können’s nicht erwarten – Sozialdemokraten". Und es war noch eindrucksvoller, dass in den letzten drei Wochen locker jeweils hundert Leute dazugekommen waren. Wenn die tatsächlich alle in die SPD eintreten würden, dann hätten wir plötzlich unsere eigene Partei. Aber die SPD würde bestimmt Wege finden, einen Masseneintritt zu verhindern.

Fliege hielt seine Standardrede über Bürgerbeteiligung: Das Interesse an der Demokratie musste man wiedererwecken, es war wichtig, jetzt nicht nachzulassen, und so weiter. Ich hatte schon abgeschaltet, als er etwas sagte, das anders klang: "Und deswegen wird Herr Franziskus das machen." 

Fliege konnte das gut: Nach langem Sermon plötzlich etwas Wichtiges sagen. 

"Was?", entfuhr es mir. 

"Wir werden Herrn Franziskus als Spitzenkandidaten der Frankfurter SPD aufstellen."