Im Alter von 14 Jahren habe ich mich zum Dienst bei der Stasi verpflichtet und vier Jahre danach meine Ausbildung dort begonnen. Im Herbst 1989 bei der Stasi anzuheuern, wirkt von heute aus betrachtet wie die verbohrte Entscheidung eines Ewiggestrigen. Für mich stand der Gang zur Stasi damals nicht einmal im Widerspruch zu den Hoffnungen auf eine andere und bessere DDR, die ich mir als Jugendlicher wünschte. Dass andere sich längst entschieden hatten, das Land zu verlassen und sich politisch zu engagieren, konnte ich damals nicht verstehen. Als Freunde vor mir, die in Oppositionsfamilien aufgewachsen waren und auch selbst von der Stasi verfolgt wurden, mir nach der Wende von ihren Erfahrungen in der DDR erzählten, hatte ich oft das Gefühl, in einem anderen Land groß geworden zu sein. 

Ich habe die DDR eher von der Sonnenseite kennengelernt, und wenn es Kritik gab, dann wurden Unzulänglichkeiten besprochen und nicht das System infrage gestellt. Für mich gab es sowohl in der Familiengeschichte als auch im Alltagserleben eine weitgehende Überschneidung mit den offiziellen Erzählungen der DDR. Mich für den Sozialismus einzusetzen, kam mir als Jugendlicher folgerichtig vor.

Der Kampf für eine bessere Welt

Ich habe den größten Teil meiner Jugend in Plattenbauten am Stadtrand verbracht. Die hatten damals einen sehr guten Ruf, weil sie über Warmwasser und Zentralheizung verfügten. Als ich geboren wurde, da stand die Mauer schon fast zehn Jahre, und wie die meisten Kinder in meinem Alter kam ich gar nicht auf die Idee, diese Situation grundsätzlich infrage zu stellen. Ich erinnere mich an Fußballspiele, die auf Sportplätzen in unmittelbarer Nähe zur Mauer stattfanden. Für mich, und wohl auch für viele andere Kinder, war es ein Teil der Normalität. Ein Stück gebaute Umwelt, die schon immer da ist, und über die du dich nicht jedes Mal aufs Neue wunderst. Wir machten höchstens mal einen Witz darüber, dass der Ball wohl für immer weg wäre, wenn wir ihn über die Mauer schießen würden. Daneben gab es diese lebendig gehaltene Familiengeschichte mit zwei lebenden Urgroßeltern, die gegen die Nazis gekämpft hatten und ins Exil gehen mussten.

Meine Uroma war mit ihrer Tochter, die als Partisanin gegen den Faschismus kämpfte, in Moskau, wo zu Kriegsende auch mein Vater geboren wurde. Mein Urgroßvater war in verschiedenen europäischen Ländern im Exil, dann im besetzten Norwegen im direkten Widerstand und hat nach seiner Verhaftung das KZ Sachsenhausen überlebt. Das heißt, vieles von dem, was als Staatsdoktrin galt, war für mich völlig nachvollziehbar: die Kämpfe der Kommunistischen Partei für eine bessere Welt, der Antifaschismus, die Rote Armee, die die Nazis besiegt hatte. (…) Mein Weltbild damals sah etwa so aus: Selbst wenn es in der DDR bloß um Erntezahlen und Planerfüllung und lauter langweilige Dinge geht, sind wir Teil dieser besseren Welt, die sich da ausbreitet. Vor diesem Hintergrund empfand ich als Jugendlicher die Fragen "Muss das auch verteidigt werden?", "Willst du da später dabei sein?" eher wie eine ehrenvolle Anfrage. 

Es sind ganze zwei Treffen dokumentiert

Was ich aus heutiger Sicht besonders bedenklich finde, ist die frühe Form der Berufsorientierung. Natürlich kann man mit 14 Jahren nicht einschätzen, was es heißt, sich für einen militärischen Beruf zu verpflichten. Generell war diese frühe Festlegung auf einen Beruf in der DDR nicht ungewöhnlich. Die meisten Berufsgruppen haben im Prinzip in der siebten Klasse angefangen, an den Schulen zu werben. Die Berufswünsche wurden in Klassenbüchern eingetragen, womit schon klar war, wer will Lehrer werden und wer Ärztin, und wer will eher etwas Technisches machen. Für die als gesellschaftlich notwendig und wichtig erachteten Berufe gab es obendrein, vielleicht nicht ausgesprochenen, aber doch spürbaren Druck.

Also wenn man sich einmal verpflichtet hatte, Russischlehrerin zu werden oder Offizier, dann hatte man schon das Gefühl, dass es bei der Schulleitung nicht gut ankommt, wenn man in der zehnten oder elften Klasse sagt: "Vielen Dank, dass ich hier das Abitur machen darf, aber ich will jetzt doch lieber Schauspieler werden." Mit der Erklärung, zum Ministerium für Staatssicherheit zu gehen, war der Stress der Berufsorientierung erst mal erledigt. Jedenfalls habe ich das so erlebt. Da hat nicht jede Woche jemand angerufen und gefragt: "Willst du immer noch den Sozialismus schützen?" Obwohl ich schon mit 14 Jahren unterschrieben hatte, war die Stasi in meiner Jugendzeit kein ständiger Begleiter. Von anderen, die als Offiziere zur NVA gehen sollten, gibt es heute Berichte von traumatisierenden Erfahrungen in sogenannten Offiziersbewerberkollektiven. Bei mir waren diese Aktivitäten weniger intensiv. Ich bin einmal zu einem Wochenende eingeladen worden, das muss schon zu Abiturzeiten gewesen sein.

Ich erinnere mich daran, weil ich dort einen Freund aus meiner Klasse getroffen habe, dessen Vater ebenfalls beim Ministerium für Staatsicherheit gearbeitet hat. Ansonsten hat es sich auf wenige Treffen beschränkt. In den Akten sind für die gesamte Zeit – also in den vier Jahren zwischen Bereitschaftserklärung und Einberufung – ganze zwei Treffen dokumentiert.

Es wurde viel Unsinn erzählt

Aus heutiger Sicht ist die Verpflichtung für einen militärischen Beruf bei der Staatssicherheit eine lebensprägende und schwerwiegende Entscheidung, aber das habe ich mit 14 Jahren nicht in der Konsequenz gesehen, und die Konsequenzen selbst spürte ich zunächst auch nicht. Über mögliche Aufgaben bei der Stasi habe ich mir eher wenige Gedanken gemacht und eine systematische Berufsvorbereitung hat es für mich nicht gegeben. Ich sollte nach einem Volontariat in Leipzig Journalistik studieren. Welche Aufgaben die Stasi anschließend für mich vorgesehen hatte, wusste ich nicht. Die Zeit nach einem noch nicht einmal begonnenen Studium kam mir als Jugendlicher auch noch sehr weit weg vor.

Aus dieser Naivität geholt wurde ich eigentlich erst mit der Einberufung im September 1989 und mit dem Beginn der militärischen Grundausbildung. Zunächst war es der Schock des militärischen Alltags. Laute Befehle, schlecht sitzende Uniformen und sinnlose Marschübungen. Am ersten Tag mussten wir Dutzende Stationen ablaufen: Einkleiden, Gesundheitstests, Materialausgabe, Formulare unterschreiben. Von diesem Tag stammt auch die handschriftliche Erklärung, die später in der Presse immer wieder zitiert wurde. Ein elendslanger Text, den wir abschreiben mussten. Darin heißt es unter anderem: "Ich verpflichte mich, alle meine Kräfte und Fähigkeiten einzusetzen, um die ehrenvollen Pflichten und Aufgaben eines Angehörigen des Ministeriums für Staatssicherheit zu erfüllen." Es dürfte klar sein, dass das keine Formulierungen sind, die sich ein 18-Jähriger in der DDR am ersten Tag seiner Grundausbildung selbst ausgedacht hat.

Die militärische Ausbildung fand in der Nähe von Straußberg statt und bestand aus dem üblichen Mix aus Geländemärschen, Waffenschulungen, Schießübungen und Zweikampftraining. In den ersten Wochen gehörte es zum Pflichtprogramm, gemeinsam die Aktuelle Kamera, die staatliche Nachrichtensendung in der DDR, zu schauen. Ab Ende September – als sich durch die Montagsdemonstrationen und die Botschaftsbesetzungen von Ausreisewilligen die Situation in der DDR zuspitzte – wurden die Fernsehabende eingestellt und wir bekamen auch keine Zeitungen mehr auf die Zimmer.

Wir lebten faktisch unter den Bedingungen einer weitgehenden Nachrichtensperre. Einzige Informationsquellen waren Schulungsveranstaltungen, in denen wir zum Beispiel über "gefährliche Jugendkulturen" aufgeklärt worden sind. Da wurde nicht nur viel Unsinn erzählt über Punks und Skins und Rocker, sondern auch über die aktuelle Lage in der DDR. Die Gründung des Neuen Forums wurde uns als "staatsfeindliche Aktivität" vorgestellt, die Ausreisewelle war eine Kampagne des Westens und die Montagsdemonstrationen in Leipzig eine Provokation von Feinden des Sozialismus. Wir merkten schon, dass offensichtlich viel in Bewegung geraten war, aber die Grundausbildung in einer Stasi-Einheit war ein schlechter Ort für weitergehende Fragen und Diskussionen. Letztendlich hielten wir uns ja alle gegenseitig für staatstreu und trauten uns nicht, kritische Fragen zu stellen.