ZEIT ONLINE: Herr Kehlmann, in New York, wo Sie leben, reden viele vom "new golden age of comedy" – von einem neuen goldenen Zeitalter für Komiker. Late-Night-Shows bestimmen die politischen Debatten, bei Netflix und HBO blüht die Kunstform der Stand-up-Comedy. Schauen Sie sich das an?

Daniel Kehlmann: Ja! Ich sehe fast jeden Abend Stephen Colbert. Auch Trevor Noah oder Jordan Klepper mit seiner neuen Sendung The Opposition – es gibt tatsächlich ein golden age. Auch durch bahnbrechende Comedy-Serien wie Louie von Louis C.K. Das muss einen ja beschäftigen, so großartig ist das. Mein Schreiben beeinflusst das aber nicht. Das ist doch zu anders. Es macht einem aber das Leben lustiger. Und letztlich inspiriert einen ja alles, was gut ist – einfach weil es einem Glauben an die Kunst schenkt. 

ZEIT ONLINE: Ich frage danach, weil es in Ihrem neuen Buch Tyll um den Spaßmacher Till Eulenspiegel geht. Der heißt bei Ihnen Tyll Ulenspiegel und verübt seine Streiche nicht, wie üblich, im Mittelalter, sondern in den Wirren des Dreißigjährigen Krieges. Tyll ist ein früher Verwandter des Comedians, wenn man so will. Hat Sie diese Figur schon immer begeistert?

Kehlmann: Im Gegenteil. Ich fand Eulenspiegel früher befremdlich und ein bisschen unangenehm. Wenn man das Volksbuch liest, merkt man: Seine Streiche sind überhaupt nicht mehr lustig. Die meisten der Witze haben mit Kacken und Furzen zu tun. Der ursprüngliche Eulenspiegel ist eine Ansammlung von Furzwitzen!

ZEIT ONLINE: Ein kurtzweilig lesen von Dyl Ulenspiegel hieß das Werk aus dem Jahr 1510, das die Figur berühmt gemacht hat. Warum können wir heute nicht mehr über die Eulenspiegeleien lachen?

Kehlmann: Die Leute der Frühen Neuzeit waren in vieler Hinsicht anders als wir, besonders in Deutschland, wo es kaum urbanes Publikum gab. Der Historiker Philippe Ariès hat es in seiner Geschichte der Kindheit so schön festgehalten: Es gab damals keinen wirklichen Unterschied zwischen Kindern und Erwachsenen. Das hieß aber nicht, dass Kinder kleine Erwachsene waren, sondern dass die Erwachsenen sich ständig wie Kindsköpfe verhalten haben. Die Leute waren viel vulgärer, laut Ariès haben sie ständig ihre Tätigkeit unterbrochen, um sich zu prügeln oder zu tanzen oder miteinander Fangen oder Verstecken zu spielen.

ZEIT ONLINE: In Ihrem Buch wirkt Tyll aber nicht nur kindlich. Er ist vor allem bedrohlich. Im ersten Kapitel erzählen Sie Ihre Version eines alten Eulenspiegel-Streiches: Der Spaßmacher fordert die Bewohner einer Stadt auf, ihre Schuhe auszuziehen und wegzuwerfen. Als die Leute ihre Schuhe dann suchen, kommt es zum Streit, sie werden gewalttätig. Tyll hat die Menschen zu Mord und Totschlag angestiftet!

Kehlmann: Ja, das ist nicht lustig, das ist brutal und unheimlich. Im Volksbuch ist Till Eulenspiegel ein sozial vollkommen untauglicher Mensch. Ein Soziopath! Ich wollte das hinüberretten, dieses Brutale, Rätselhafte, Soziopathische.

ZEIT ONLINE: Aber ein Narr, so denken wir heute, soll doch gute Laune verbreiten, nicht Angst und Schrecken.

Kehlmann: Wir verstehen kaum mehr, wie das damals war, als Gesellschaft im modernen Sinn erst langsam entstand. Die Till-Eulenspiegel-Geschichten sind eine Erinnerung an einen vorzivilisatorischen Zustand, der damals gerade überwunden wurde. Man fand es lustig, wenn einer überall hinkackte und den Leuten ins Essen spuckte, weil einem so ein Verhalten noch viel näher war als uns heute, auch wenn man es selbst schon nicht mehr tat. Der nicht gesellschaftsfähige Mensch kann allerdings auch 2017 noch sehr lustig sein, da muss man nur einmal Larry David in Curb Your Enthusiasm zusehen.

ZEIT ONLINE: Der Narr sei der kleine Bruder des Teufels, haben Sie einmal geschrieben.

Kehlmann: Wer sozial nicht funktioniert, ist nicht nur lustig, sondern auch gefährlich. Das kann sehr schnell kippen.

ZEIT ONLINE: Wie beim "Horrorclown". Tyll scheint aus dieser Perspektive wieder eine aktuelle Figur.

Kehlmann: Es ist ja auch kein Zufall, dass die Neuverfilmung von Stephen Kings Es einer der erfolgreichsten Kinofilme in diesem Jahr war.