Kaum ein Dichter wird so rasant unterschätzt wie Durs Grünbein. Und zwar gleichermaßen von den wohlmeinenden Fans wie von den missgünstigen Ignoranten. Die einen schwärmen für den poeta doctus in Toga, der unangreifbar hoch über den Mühen der Proletenpoeten schwebt. Die anderen lästern über läppische Lyrik, die sich der weltabgewandte Kollege fern der tatsächlichen Sprachenschlachten erlaube. Für beide Seiten gilt: weit gefehlt. Durs Grünbein ist einer der wirklich Großen auf dem Feld der deutschsprachigen Dichtung und dabei vollkommen gegenwärtig, provozierend souverän, sogar politisch engagiert, wenn man daran denkt, dass er als einer der wenigen prominenten Dresdner schon im Februar 2015 deutliche Worte gegen die Dresdner Demonstranten fand.

Wie klug er Gegenwärtiges, Geschichtliches und auch Persönliches in die Überzeitlichkeit der Literatur zu bringen versteht, zeigte er vor zwei Jahren mit seinem faszinierenden Prosa-Kaleidoskop Die Jahre im Zoo, ein dichterisch gedachtes, ernstes Spiel über Kindheit und Erinnerung. Man tut also gut daran, mehr als zweimal über die Gedichte in seinem neuen Buch nachzudenken. Das Buch heißt programmatisch Zündkerzen, nach seinem sechsten Kapitel, das in verdrehten Sonetten Minipoetiken versammelt.

Freiheit und Beschränkung

"Zündkerzen sind Dinge, keine Ideen und erst recht keine Konzepte", heißt es im Klappentext. Diese Ansage dürfte vom Dichter selbst stammen, so vehement setzt sie seine Gedichte von einer Dichtung ab, die den Gedanken vor die Anschauung stellt. So klar das Plädoyer für ein dichterisches Denken in Bildern, durch das Gedichte zu mehr als Experimenten am Sprachmaterial, zu eben auch sinnlich erfahrbaren Gegenständen werden. Im Eingangsgedicht Aus einem Buch der Schwächen klingt das so: "Gigantische Agenda, dieses Leben – / Das so ganz anders kam und dann doch so. / Wir sehen uns, wenn wir die Augen schließen, / In einem Fahrstuhl, der die Jahre wie Etagen zählt."

Das Leben, durch das wir hindurchfahren. Das Leben als Fahrstuhl, ein simples Bild, das gleich komplizierter wird, wenn man merkt, dass auch das Gedicht in Vers-Etagen auf der Seite steht. Wir sind gemeint, wenn wir lesen. Wir als Leserinnen sind buchstäblich in der Situation desjenigen, der da im Fahrstuhl steht und sich schließlich selbst kommentiert:"(...) haltloser Vers. / Und Haltlosigkeit heißt: Wir sterben."Ein Bild des Schreckens: dass der Fahrstuhl an seinem Ende ankommt. Ein Bild der Freiheit: zu wissen, dass kein Halt versprochen war. Das sind Verse, die mit den existentiellen Fragen eines Dichters umgehen, der sich selbst in diesem Buch als einen entwirft, der stets ins Freie strebte und doch – wie alle – im Gehege der Großstadt und auch des Gedichts die programmierten Wege abschreitet: Freiheit und Beschränkung, Leben und Tod, Form und Spiel, die Kunst und das Ich.

Das Märchen vom Ich

Die Massive des Schlafs heißt das zentrale Gedicht dazu. Es ist eines von zwei langen elegischen Poemen, die miteinander korrespondieren. Das andere, das Photopoem, bündelt die Lichtmetaphern, von denen der Band insgesamt schon fast aufdringlich durchzogen ist, zu einer Reflexion über die "Spur des Abwesenden / In der Schlacht um Präsenz", ausgehend von gar nicht originellen Szenen und Bildern aus der ewigen Stadt, in der Durs Grünbein einen Teil des Jahres verbringt. Es ist vielleicht das persönlichste Gedicht in diesem Band. Die Massive des Schlafs ist aber das sprachmächtigste, wichtigste, weil sich von hier aus alle anderen lesen lassen, von Versen wie diesen:"Wir sind, / Wenn wir träumen und uns als Zeugen / Im Traum erkennen, längst auf dem Rückzug / Von diesen unvordenklichen Wanderungen / Durch die Zentralmassive des Schlafs. / Geröll unterm Schnee, das ist die Zone, / In der es falsch ist, zu sagen: ich denke – ein Feld, / Aus dem keine Information dringt, / Vom Tiefschlaf beschützt, ein Sperrgebiet." Damit entwirft Durs Grünbein das Wesen des Menschen als unerreichbar in der Absenz von Erinnerung und Vernunft. Und die Kunst und das Ich? – "Was erzählbar ist, scheint gerettet. Es wird / Integriert in das Märchen vom chronischen Ich, / das der Traum um uns schlägt wie einen Mantel."

Das Märchen vom Ich in der Zeit. Das Märchen von der Rettung durch Literatur. Das Märchen vom Traum und vom Unbewussten als Schlüssel zum Ich. Jenseits dessen schlägt das Herz der Kunst, die dem Zentralmassiv der Existenz mit ihren "Dramaturgien des Traums" jedoch auch vorgelagert bleibt. Dies im Sinn, kommt man weit, auch bei der Lektüre scheinbar platter Gedichte wie Die Ausgestoßenen. Ein Text aus dem zweiten Kapitel, der bereits die Gemüter von Durs Grünbeins Kollegen erhitzt hat. Der Anfang geht so: "Ich habe Gespenster gesehen im Park – / Afrikaner. Sie lagen verstreut auf dem Rasen / Unter unnahbaren Pinien wie Breughels Bauern / Im Schlaraffenland. Sie schliefen dort draußen / Bei Wind und Wetter, hängten die nassen / Kutten und Hosen aus den Caritas-Containern / Zum Trocknen an Bauzäune, Büsche. / Sie machten früh Katzenwäsche, putzten / Die weißen Zähne in den dunklen Gesichtern / Am Brunnen mit dem eiskalten Wasser / Der Aquädukte, von römischen Sklaven erbaut."