Vor dem Naturhistorischen Museum in Wien steht ein großer Mann in einer für das Herbstwetter reichlich dünnen Jacke und liest in einer Kladde. Die Worte formt er nachdrücklich, aber lautlos. Vielleicht wird seine Stimme aber auch nur vom Wind verschluckt, der über den Platz fegt.

Schwer zu entschlüsseln ist die Situation nicht: Ein Schauspieler, der gerade von der Probe am nahe gelegenen Burgtheater kommt, geht noch einmal seinen Text durch. Von einer gewissen Komik ist sie aber dennoch, weil sie eben auch bedeutet: Der Schauspieler Joachim Meyerhoff, der auf seinen Interviewtermin wartet, spielt, dass er der Schauspieler Joachim Meyerhoff ist, der gerade von der Probe am Burgtheater kommt und auf seinen Interviewtermin wartet und die Minuten bis dahin nutzt, um auf dem zugigen, noch regennassen Platz vor dem Naturhistorischen Museum den Text der vergangenen Probe durchzugehen. Vielleicht ist man mit dieser Szene, die irgendwo zwischen wahrhaftig und dargestellt pendelt, schon relativ nah dran an dem, was nicht nur den Schauspieler Joachim Meyerhoff, sondern vor allem den Autor Meyerhoff ausmacht, der jetzt freundlich winkt, augenscheinlich kaum verstimmt über die Verspätung.

In dem Romanzyklus Alle Toten fliegen hoch – der erste Teil erschien 2011, der vierte kommt nun in die Buchhandlungen – erzählt Meyerhoff vordergründig sein eigenes Leben. Aber natürlich sind diese Bücher auch Fiktion. Wenn man so will: zugleich Literatur und Arbeit am eigenen biografischen Mythos. Irrsinnig komische Episoden gibt es da etwa über das Aufwachsen auf dem Gelände der psychiatrischen Klinik im schleswig-holsteinischen Hesterberg, die sein Vater leitete, über ein Austauschjahr in Amerika, über die Zeit an der Münchner Otto-Falckenberg-Schauspielschule, während der er bei seinen kapriziösen großbürgerlichen Großeltern wohnte, in einem rosafarbenen Zimmer.

Aufreibendes Doppelleben

Nicht zuletzt sind Meyerhoffs erste drei Romane liebevolle Abschiede von Familienmitgliedern. Der mittlere Bruder stirbt bei einem Autounfall, es folgt der Tod des Vaters, schließlich jener der Großeltern. Bestseller wurden diese Bücher, die ursprünglich aus einem Theaterprojekt hervorgegangen sind, allesamt. 1,4 Millionen Exemplare konnte der Verlag Kiepenheuer & Witsch bislang verkaufen. Vielleicht deshalb, weil Meyerhoff vor allem ein leidenschaftlicher Erzähler mit einem phänomenalen Gespür für Timing ist. Und mit einem Gespür für den Witz, der auch und gerade in Momenten der Trauer liegen kann. "Die schmerzlichen Botschaften", sagt Meyerhoff auf den Stufen des Museums, "die sind immer ein bisschen überzuckert. Ein bisschen als Baiser drapiert, das ist so ein bisschen Tortenbäckerei."

Die Zweisamkeit der Einzelgänger, der vierte Band von Alle Toten fliegen hoch, hat Meyerhoffs erste Engagements in Bielefeld und Dortmund zum Thema, dazu die erste längere Beziehung zu der herrlich unkonventionellen Studentin Hanna. Diese Liaison führt allerdings bald zu einem für den Erzähler aufreibenden Doppelleben. Da gibt es nämlich noch die attraktive Tänzerin Franka – praktischerweise wohnen die Damen in verschiedenen Städten. Meyerhoffs jüngster Roman büßt einiges von der Leichtigkeit und von dem Witz der Vorgänger ein. Bewusst, natürlich. 

Soloabend als Ratte

Birgt das nicht auch ein gewisses Risiko? Zumal dieser Mann da zwischen den beiden Liebschaften nicht unbedingt der vollkommene Sympathieträger ist? Befürchtet Meyerhoff nicht, dass gerade Frauen auf die Barrikaden gehen könnten? "Ja! Hoffentlich!", er guckt begeistert, erklärt den Wechsel des Erzähltons aber doch noch ernsthafter. "Das hat auch etwas mit dem Älterwerden zu tun. Wenn der Erzähler in den ersten drei Büchern von seinem Aufwachsen berichtet, dann hat das natürlich immer auch etwas von einem Staunen über die Welt. Vielleicht ist er nicht unbedingt naiv, aber die Dinge widerfahren ihm eben. Irgendwann, mit Mitte zwanzig, wäre diese Naivität nur noch Doofheit. Deshalb muss es jetzt auch unsympathische Seiten an ihm geben."

Ein Besuch des Naturhistorischen Museums mit seiner Sammlung ausgestopfter Tiere war der eigentliche Plan für diesen Nachmittag. Ohne Zweifel wäre das lustig gewesen: Mit Joachim Meyerhoff seltsame Wesen angucken und überlegen, welche von ihnen im nächsten Buch auftreten könnten, oder, noch besser, wie er diese Tiere auf der Bühne am überzeugendsten darstellen würde. In Die Zweisamkeit der Einzelgänger gehört es zu den schrägsten, aber auch befremdlichsten Passagen, wie Meyerhoff als junger Schauspieler in seinem selbst initiierten Soloabend eine Ratte spielt. Maximal realitätsgetreu, Highlight des Kostüms: ein langer Schwanz aus unverschämt teurem Leder. Dass der Abend kein Kassenschlager wurde, liegt auf der Hand. Seinem neuem Buch, das eine beachtliche Startauflage von 180.000 Exemplaren hat, wird es vermutlich anders ergehen.

Dummerweise hat das Museum geschlossen. Heute gibt es keine Tiere, dann eben weiter durch das unwirtliche Wien, erst einmal zum gegenüberliegenden Heldenplatz.