Neo-Linke, Separatisten, Rechtsradikale. Warum nehmen Nationalismus und Extremismus immer weiter zu? Juli Zehs neuer Roman liefert uns klare Antworten: Nicht die Wähler populistischer Parteien sind schuld an der zunehmenden Radikalisierung, die man innerhalb der EU-Staaten beobachten kann. Schuld sind die Demokraten. Schuld sind die, die ihrer Wut entfliehen, indem sie sich in Gleichgültigkeit flüchten. Schuld sind die prinzipienlosen Bürger, die – falls sie sich zwischen ihrer Waschmaschine und ihrem Wahlrecht entscheiden müssten – ihre Waschmaschine wählen würden.

Schuld sind Menschen wie Britta. Die nihilistische Protagonistin aus Leere Herzen hat sich dazu entschieden, mit der Zeit zu gehen, anstatt sich vergebens an überkommenen Idealen festzuklammern. Wir schreiben das Jahr 2025. Merkel ist längst abgetreten, die sogenannte "Besorgte-Bürger-Bewegung" ist nun an der Macht. Munter verabschiedet sie ein Effizienzpaket nach dem anderen: Der europäische Föderalismus steht kurz vor dem Aus,  die Vereinten Nationen werden aufgelöst und die Kompetenzen von Polizei, Geheimdienst und nationaler Regierung stetig ausgeweitet. Aus dem Radio tönt: "Full Hands Empty Hearts / It’s a Suicide World Baby." Das demokratische Deutschland, so wie wir es kennen, gehört in Zehs Dystopie der Vergangenheit an. 

It’s a Suicide World Baby

Innerhalb dieses zersplitterten Europas sieht Britta nur noch eine Möglichkeit: die "kollektive Reise Richtung Untergang" weiter voranzutreiben. Gemeinsam mit ihrem Freund Babak hat sie das Unternehmen Die Brücke gegründet: Mithilfe eines Algorithmus’ suchen die zwei nach suizidgefährdeten Menschen, die sich für Brittas selbstentwickeltes, zwölfstufiges Therapieprogramm eignen. Wer sich nach Psychotest, Klinikaufenthalt und Waterboarding immer noch umbringen möchte, wird von der Brücke an eine terroristische Organisation vermittelt und erhält so die Möglichkeit, die Welt als zweckdienlicher Selbstmordattentäter zu verlassen. Welches Ziel die jeweilige Organisation vertritt, an die Britta einen Kandidaten vermittelt, ist gleichgültig. Der Islamische Staat ist ebenso Kunde wie Green Power, eine Umweltorganisation, die die Auffassung vertritt, "dass der Planet ohne Menschheit wesentlich besser dran wäre".

Für Britta könnte es nicht besser laufen. Sie führt ein außergewöhnlich entspanntes Doppelleben, versorgt mit dem Umsatz der Brücke Mann und Kind, und wähnt sich in dem beruhigenden Gefühl, das Richtige zu tun: Immerhin hat Die Brücke den Terroranarchismus beendet. Der Terrorismus hat nun eine überbordende Organisation.

Das drängende schlechte Gewissen

Dann ereignet sich am Leipziger Flughafen ein Attentat, so stümperhaft durchgeführt, wie es der Brücke niemals passieren würde. Keiner von Brittas Kunden will die Fäden gezogen haben. Ein schnurrbärtiger Mann namens Guido Hatz – eine unheimliche Figur, die einer Erzählung von E.T.A. Hoffmann entsprungen sein könnte – tritt in das Leben der Protagonistin. Hatz, ein millionenschwerer Geo-Heiler, eine Art Heilpraktiker, der hofft, mit seiner Arbeit "Mensch und Erde wieder zu versöhnen", will in das Start-Up von Brittas Mann investieren. Aber warum taucht Hatz mitten in der Nacht vor Brittas Haus auf? Beschattet er sie? Die Unternehmerin steht kurz davor zu glauben, sie verliere ihren Verstand, da stattet ihr der mysteriöse Hobbymediziner einen Besuch in der Praxis ab: "Gönnen Sie sich eine Auszeit. Die Dinge werden sich fügen", droht er der Unternehmerin. Warum ihm an einer Auszeit der Brücke gelegen ist, lässt er allerdings im Dunkeln. 

Handelt es sich bei Hatz lediglich um einen millionenschweren esoterischen Irren? Oder kann es tatsächlich sein, dass er in eine Konkurrenzfirma investiert, welche Die Brücke vom Markt drängen will? Hat Hatz vielleicht sogar etwas mit dem dilettantischen Attentat am Leipziger Flughafen zu tun? Immer mehr leidet die Protagonistin "unter dem Gefühl, Teil eines Puzzles zu sein, das partout keinen Sinn ergeben will". Die Übelkeit, unter der sie seit geraumer Zeit leidet, wird zu Brittas ständigem Begleiter.   

Schillerndes Konstrukt, unauffällige Sprache

Mal wieder ist es Zeh gelungen, ihre klugen Gedanken über die Widersprüche in unserer Gesellschaft literarisch so miteinander zu verknüpfen, dass ein spannender Roman daraus entstanden ist. Leere Herzen ist das deutsche Äquivalent zu Michel Houellebecqs dystopischem Werk Unterwerfung. In Zehs Version haben jedoch nicht die Islamisten, sondern die Nationalisten den Kampf um die Regierung gewonnen. So experimentell wie Zehs Romankonstrukt ist, so feige sind allerdings Sprache und Erzählweise des neuen Werks. Zeh geizt in Leere Herzen noch mehr mit rhetorischen Mitteln als in ihrem gefeierten Dorfroman Unterleuten. Hinzu kommen ein rasantes Tempo und viel direkte Rede. Manchmal fragt man sich da, warum die Autorin ihre Idee nicht direkt als Drama oder Drehbuch umgesetzt hat.

Natürlich hat sich Zeh bewusst für die sprachliche Schlichtheit und die filmische Erzählweise entschieden, weil sie zum Genre des Romans passen. Dadurch zeichnet sich die Autorin nun mal aus: Juli Zeh ist das Chamäleon der deutschen Gegenwartsliteratur, weil sie ihren Stil dem Erzählten angleicht und ihn jedes Mal variiert. Das ändert aber nichts daran, dass Leere Herzen literarisch uninspiriert daherkommt.   

Ein Pamphlet, getarnt als herkömmlicher Thriller

Für ihren neuen Roman hat sich Juli Zeh eine ganz besondere Widmung ausgedacht: "Da. So seid ihr" prangt fett und zentriert auf einer der ersten Seiten des Romans. Leere Herzen ist ein Pamphlet, das sich gegen uns alle richtet, getarnt als herkömmlicher Thriller. Aber es besteht noch Hoffnung. Gegen Ende des Romans, als alles verloren scheint, merkt Britta, dass sie ihre Prinzipien und Überzeugungen eigentlich nie gänzlich verloren hat. "In ihrem Inneren öffnet sich eine Luke, hinter der sich ein großer dunkler Raum verbirgt, den sie seit langer Zeit nicht mehr betreten hat. Sie stellt sich ein Schild neben der Luke vor: ‚Prinzipienlager – Zugang nur für Berechtigte!’ Sie hat sich immer eingeredet, dieser Raum sei vollkommen leer, weshalb es keinen Grund gebe, gelegentlich die Bestände zu sichten."

Brittas Übelkeit entpuppt sich als Ausdruck ihres verdrängten schlechten Gewissens. Wie in ihrer ersten Dystopie Corpus Delicti lässt Zeh am Ende von Leere Herzen einen Hoffnungsschimmer für uns aufblitzen: Unsere Herzen sind gar nicht leer – wir haben nur aufgehört, auf uns selbst zu hören. Doch wie Britta können wir zu unseren persönlichen Prinzipienlagern zurückfinden und endlich anfangen, für unsere Überzeugungen einzustehen. Was darf es also sein – Wahlrecht oder Waschmaschine?