Es beginnt mit einem Date und endet mit einer Leiche auf dem Asphalt. Dazwischen liegt ein Drama in fünf Akten. Verpackt in einem Roman, der in der deutschen Übersetzung gerade einmal 144 Seiten umfasst. Ausgedacht und aufgeschrieben hat ihn Matthew Weiner. Der 1965 geborene amerikanische Drehbuchautor, Produzent und Regisseur hat mit seiner Serie Mad Men und seiner Arbeit an The Sopranos Fernsehen ein Stück weit neu erfunden. Nun also liegt ein Roman des Meisters vor. Da hängt die Messlatte hoch.

Das schmale Werk springt zwischen zwei Welten. Da gibt es auf der einen Seite die wohlhabende Familie Breakstone, auf der anderen den verwahrlosten Bobby, Sohn einer alleinerziehenden, heroinabhängigen Mutter. Noch vor seinem zehnten Lebensjahr hat er "Zigarettenstummel gegessen, Bier getrunken" und den Liebhabern seiner Mutter geholfen, sich einen Schuss zu setzen. Während Karen und Mark mit Tochter Heather ein mondänes Leben in Manhattan führen, verdingt sich Bobby als Bauarbeiter.

Zu Beginn läuft alles paletti bei den Breakstones. Mark genießt die Fähigkeit seiner Frau, "binnen Minuten von animalischer Lust zu praktischen Überlegungen zu wechseln". Denn an seinem 41. Geburtstag weckt sie ihn mit einem Blowjob, um ihm dann sogleich "in strategischem Tonfall die Notwendigkeit einer größeren Wohnung" darzulegen. Karen wiederum findet Mark "ziemlich witzig, also waren sie ja vielleicht füreinander bestimmt".

Weiners Figuren stehen für extreme Lebensentwürfe: Menschen, die alles oder nichts besitzen. Es sind Charaktere, die in parallelen Universen leben, bis sich eines Tages die Wege kreuzen – in Form eines lüsternen Blicks, den Bobby auf Heather wirft.

Angeberei und Panikattacken

Weiners auktorialer Erzähler kreist aus einer gewissen Entfernung über Bobby und den Breakstones. Wie ein Adler, der jeden Moment bereit ist, die Krallen in sein Opfer zu schlagen. Man kann auch sagen: Ab dem dritten Kapitel hängt ein Damoklesschwert über den Figuren und der Leser verbringt die restlichen Seiten damit, sich zu fragen, wann und auf wen es wohl fallen wird.

Alles über Heather ist ein nicht ganz klischeefreies Sozialdrama, zudem ein mit sparsamen Mitteln erzählter Roman über die Erosion einer Ehe und das armselige Leben der Reichen. Als Heather in die Pubertät kommt, verliert Karen den Halt und erkennt, "dass ihr Sozialleben von Oberflächlichkeit und Angeberei bestimmt gewesen war". Nun hofft sie, endlich eine Vertraute zu finden, "jetzt, da die anderen Frauen alle gleichermaßen von ihren rebellischen Töchtern, den asexuellen Ehen, ihrem Diätwahn oder dem Ärger mit den Immobilien erniedrigt worden waren".  

Kapitel für Kapitel mutiert Karen zu einer Frau am Rande des Nervenzusammenbruchs. Sie erleidet schließlich Panikattacken, schluckt Antihistaminika, die sie mit einem Glas Weißwein herunterspült und schreibt eines Tages eine Liste mit zwei Spalten: "Gründe zum Weiterleben" und "Gründe dagegen".

Das große Thema des Romans aber ist die Obsession. Manische Züge hat das Verhalten der Mutter Karen, die ihre Tochter von Geburt an minutiös beobachtet und dann doch blind ist für die größte, auf ihr Kind lauernde Gefahr. Und Mark steigert sich aus Angst um das Leben seiner Tochter in Gewaltfantasien hinein.

Mix aus Zigaretten, Seife und Blut

Heather ist nicht einfach nur ein überbehütetes Kind. Sie füllt die Leere, die sich im Laufe der Jahre zwischen Karen und Mark aufgetan hat. Anfangs ist es Karen, die Helikopter-Mama, die ihren Mann außen vor lässt. Später erkennt auch Mark, dass Karen aufgehört hat, "über seine Witze zu lachen, ihn auch nur wahrzunehmen, und seither war Heather sein Publikum geworden".

Heather und Bobby bilden die größtmöglichen Gegensätze. Nicht zuletzt deshalb, weil das reiche Mädchen besonders empathisch ist. Schon aus ihrem Buggy heraus fragt sie als Fünfjährige eine Frau in der U-Bahn: "Warum weinst du?"

Bobby wiederum hat geradezu bestialische Züge und einen außergewöhnlichen Geruchssinn. Damit wirkt er stellenweise wie ein später Wiedergänger von Jean-Baptiste Grenouille aus Patrick Süskinds Roman Das Parfum. Als Bobby zum ersten Mal Heathers Duft wahrnimmt, noch bevor er sie sieht, fällt ihm der Kaffee aus der Hand. "Nase und Lunge füllten sich mit einer Mixtur aus Zigaretten, Seife und Blut, die wie in einer Explosion von einem hochgewachsenen, schlanken Mädchen aufstieg, das in sein Handy sprach". 

Wie Süskind erzählt auch Weiner die Geschichte eines Mörders. Das ist unterhaltsam, wenngleich auch keine "Sensation", wie James Ellroy den Roman genannt hat.   

Und wäre der Autor nicht ausgerechnet Matthew Weiner, dem wir grandiose Serien verdanken, wäre man auch nicht wirklich enttäuscht. Denn Alles über Heather hat einen gut konstruierten Plot, ist durchzogen von einer feinen Ironie und einer gelegentlich Hitchcockschen Spannung. Zurück bleiben die Leiche und eine Frage, die noch interessanter ist als Whodunit: Wie geht es weiter mit Weiner, dem Schriftsteller?  

Matthew Weiner: Alles über Heather. Roman. Aus dem Englischen von Bernhard Robben. Rowohlt, 144 S., € 16,-