Mit kältegelüftetem Kopf läuft man durch den Innenhof, hinein in den Heimathafen Neukölln in Berlin. Die 25. Ausgabe des Open Mike steht an. Und wie der Schlafkranke Schäfchen zählt, zählt der Gast des wichtigsten Wettbewerbs für den literarischen Nachwuchs die Argumente, die immer mal wieder gegen die Veranstaltung vorgebracht werden: Hier reproduziere sich nur eine kleine Kaste, der Literaturbetrieb sei unkritisch, dubios und sowieso und immer inzestuös. Hier sei wenig mehr zu finden als "Mein-Leid-und-ich"-Texte, nichts als weltfremdes Mästen der üblichen Befindlichkeiten. Und zu guter Letzt lauert immer irgendwo das Argument: Hier bekäme man eh nur zahme Texte nach Deutschen Institutsnormen vorgesetzt, wie sie in den Schreibschulen in Hildesheim und Leipzig gelehrt würden.

Mit derlei durchtrainierten Vorurteilen harrt man dann der Dinge im vollbesetzten, gut 450 Menschen fassenden Bühnenraum des Heimathafens. Zwanzig Finalisten lesen über zwei Tage ihre Texte vor, die von sechs Lektoren aus insgesamt 580 Einsendungen herausgesucht wurden. Eine Jury, bestehend aus dem Lyriker Nico Bleutge sowie den Prosaautoren Olga Grjasnowa und Ingo Schulze, vergibt am Ende drei Preise. Zusätzlich verteilt die taz-Jury, die mit möglichst literaturbetriebsfernen Personen besetzt ist, einen Publikumspreis. Kann so ein Literaturmarathon gut gehen?

Ein dystopischer Schreckensentwurf

Gleich nach den ersten Lesungen lässt sich so erleichtert wie ernüchtert feststellen: alles durchwachsen, alles wie immer. Die Maserung stimmt. Wenig Gutes, viel Mittelmaß, wenig Schlechtes. Der Eindruck wird sich halten, bis in den Sonntagnachmittag hinein, als die Preisträger gekürt werden. Was zugleich auffällt: Es gibt sie, die berüchtigten Tendenzen. Viele der Nachwuchsautoren sprechen etwa von lädierten Körpern, von einer versehrten Beziehung zum Selbst. Das "Ich", das ist nicht mehr der seelische Resonanzraum in all seinen Graustufen, sondern auch und insbesondere der Körper, Bastion und Beweis unseres Hier-Seins in der digitalisierten Welt.

Bei Ronya Othmann, die später völlig zu Recht den Lyrikpreis zuerkannt bekam, heißt es: "was tut / man gegen den hohlraum, den mund. / wohin mit der zunge." Und später: "wie sind diese bäume / zu verstehen. und machen die haare / auf meinem körper schon eine wiese." Lauritz Müller, ein weiterer Lyrikfinalist, schreibt: "es galt unsere haut als letzte verfügbare fracht." Auch Sarah Wipauer nimmt sich in Wie früher die Männer an Säuglingen starben des Themas an und wendet es in eine Physio-Dystopie: Männer sind hier zu verseuchten Wirtskörpern verkommen, sie fliehen, um der Internierung in Kliniklagern zu entgehen und sterben, nachdem ihnen der Schmarotzersäugling aus der Brust entfernt wurde. Hintergrundinformationen bleiben in diesem spröden allegorischen Szenario aus – irritierend wirkt Wipauers Text, der bedauerlicherweise keinen Preis erhielt, gerade wegen der erkalteten Selbstverständlichkeit, mit der dieser Schreckensentwurf vorgelegt wird.

Die Nylonschnur an der Kehle

Die dreiköpfige Jury entschied, die Gesamtsumme von 7.500 Euro auf alle drei Preisträger zu verteilen; der eine Hauptgewinner ist demnach nicht zu beklatschen. Wobei sich die prämierten Prosaarbeiten von Ralph Tharayil (Das Liebchen) und Mariusz Hoffmanns (Dorfköter) in etwa so gleichen wie braver und widerborstiger Zwillingsbruder. Beide sind sie von einer Migrationssituation geprägt, beide sprechen sie von Kindheiten in Europa – wenn auch auf sehr unterschiedliche Weise.

Bei Tharayil gerät das Mädchen einer indischen Familie in den Blick, dessen Leben vorgezeichnet scheint: grausame Brüder, Prügel zu Hause, ein längst bestimmter Ehemann in Indien. Dazwischen lugen und lauern die Schweizer Berge. Was wie ein heller, sozialrealistischer Schinken klingt, ist in Wahrheit ein zappenduster-krudes Poesiemachwerk: "Sie hob die Nylonschnur und setzte sie sich an die Kehle, [...] bis das Pouletcurry in ihrer Tupperwaredose mit einem Pilzflaum überzogen war, bis nach den Wölfen das Wintertier kam, bis die Reste der Worte aus Retos Mund in ihren Atem übergingen."

In bewundernswerter Übungssicherheit wird demgegenüber in Dorfköter die postsowjetische Klaviatur in Form einer Kindheitserinnerung in einem polnischen Kaff durchgespielt. Aber Hoffmanns Text erschöpft sich im konsumistischen Bedienen dessen, was gerade gefragt ist: Identität, Grenzübertritt, Migrationserfahrung. Das mag als Themenwahl hehr und gegenwartsklug sein. Nur erbringt Dorfköter über die Logik von narrativem Angebot und Lesenachfrage hinaus keinen sprachlich kühnen Mehrwert. Hier ist alles wie gehabt und geplant. Und ist der kleine Hunger erst gestillt, bleibt nichts übrig.

Bei Tharayil hingegen stoßen wir auf Undeutbares, auf ein Klumpen Unwohlsein gegenüber diesen Figuren, die immer mehr sind, als es unseren modischen Lesewünschen geheuer ist. Hier verwahrt sich jemand gegen eine billige diskursdienende Vereinnahmung, wie sie die Gegenwartsliteratur allenthalben durchzieht. Und gerne würde man dem Personal in diese gletschrig-globale Geschichte folgen, wohl wissend, sie doch nicht ergründen zu können.