So griffig der Titel des neuen Essaybandes von Rebecca Solnit auch ist, er führt ein wenig in die Irre. Denn um das immer wieder penetrant an Frauen im gebärfähigen Alter herangetragene Thema Mutterschaft versus Kinderlosigkeit geht es in Die Mutter aller Fragen nur am Rande. Oder besser gesagt: im gerade mal 15-seitigen Auftaktessay. Der Rest des Buches beschäftigt sich mit einem ganz anderen, wenn auch nicht weniger zentralen Problem: dem Schweigen. Und damit, in gewisser Weise, der anderen Seite des  mansplaining – ein Begriff, der sich dank Solnits Vorgängerwerk Wenn Männer mir die Welt erklären inflationärer Beliebtheit erfreut und seit 2014 sogar im Oxford English Dictionary zu finden ist.

Einem Mann, der sich selbst gern reden hört, steht in den meisten Fällen (mindestens) eine Frau gegenüber, die schweigt. In zwölf Texten, entstanden zwischen 2014 und 2016, dekliniert Solnit die Mechanismen des Mundtotmachens in allen Varianten durch – mal äußert pointiert und unterhaltsam, mal eher redundant. Qualität und Relevanz der Beiträge mögen schwanken, doch eines gelingt der Autorin brillant: die Analyse einer Pandemie männlicher Gewalt, die unsere Gesellschaft bis in die feinsten Adern durchdringt.

Systemische Gewalt

Solnit behauptet nicht, der Weg vom mansplaining zum Massenmord sei kurz oder zwingend (auch wenn sie an einer Stelle makaber überspitzt formuliert: "Andere Menschen umzubringen, ist immer noch der einfachste Weg, die einzige Stimme im Raum zu sein."). Stattdessen konzentriert sie sich auf die zugrunde liegenden Wirkungsweisen der Misogynie, die sich in herablassenden Sprechakten ebenso äußern können wie in blutigen Massakern.

Angefangen bei der Anekdote eines transsexuellen Biologen an der Stanford University, der von seinen Erfahrungen im Wissenschaftsbereich vor und nach der Transition berichtet ("Ich kann jetzt sogar einen Satz zu Ende bringen, ohne von einem Mann unterbrochen zu werden."), bis hin zum Amoklauf von Isla Vista. Noch vor wenigen Jahren, so die Autorin, hätte man den von Frauenhass erfüllten 22-Jährigen, der im Mai 2014 sechs Menschen tötete und 13 weitere verletzte, als psychopathischen Einzeltäter eingestuft – und nicht als Ausdruck einer systemischen Gewalt von Männern an Frauen.

Erst die explosive Wirkkraft von Social-Media-Kampagnen wie #YesAllWomen verankert diese Erkenntnis allmählich im öffentlichen Bewusstsein. Im Zuge dessen können sich auch Celebrities wie Bill Cosby – dem mittlerweile über 60 Frauen sexuellen Missbrauch vorwerfen – nicht mehr auf der Gewissheit ausruhen, automatisch diejenigen zu sein, die gehört und respektiert werden. Eine Entwicklung, die sich aktuell im #MeToo-Hype rund um den Harvey-Weinstein-Skandal fortsetzt.

Steinzeitmythen und Zensurdebatten

Doch wie flächendeckend, wie tiefgehend ist das bei Solnit postulierte Umdenken wirklich? Die empörten (männlichen) Reaktionen auf das im September 2014 in Kalifornien verabschiedete "Yes means Yes"-Gesetz belegt eher ein verzweifeltes Festhalten an der Vorstellung, "dass Sex mit einem weiblichen Körper ein Recht ist, über das ein heterosexueller Mann per se verfügt". Und in diesem Szenario sind Frauen eben nach wie vor die "durchgeknallten, illegitimen Gatekeeper, die sich immer nur zwischen dich und deine Rechte zu stellen versuchen". Was uns, auf kleinen Umwegen, zum Weltbild des Isla-Vista-Täters zurückführt.

Gegen den gut durchdachten, klar strukturierten ersten Teil des Buches fallen die eklektisch zusammengewürfelten Essays in der zweiten Hälfte leider deutlich ab. "Die Geschichte anders erzählen" will Solnit hier, streift dabei Steinzeitmythen, Zensurdebatten und Identitätspolitik, um sich zuletzt in einer ausufernden feministischen Lesart des Südstaatenepos Giganten von 1956 zu ergehen, dem sie – nicht ganz nachvollziehbar – ein durchschlagendes subversives Potenzial attestiert.