Verlage führen Klage: Die Leute kaufen immer weniger Bücher – einerseits. Andererseits boomen Literaturfestivals und Literaturhäuser verzeichnen Publikumsrekorde. Wie ist dieser Widerspruch zu erklären? Nun, Lesen wird zusehends zu einem sozialen Event. Man will Freunde treffen und mit ihnen über das Gelesene reden. Gemeinsam dann eventuell auch noch auf ein Glas Wein gehen oder ein Bier trinken, meinetwegen.

Autorinnen und Autoren sollen gefälligst aus ihren Büchern hervortreten. Und vor ihre Bücher hintreten: Man will ihnen beim Vorlesen zusehen und nimmt ihnen, wenn sie über das Geschriebene reden, mit Freude fast jedwedes Parlando ab. Die stille kontemplative Lektüre aber, lange Zeit Herzstück einer Kulturgeschichte des Lesens, hat ausgedient. Nur mit sich selbst und einem Buch vor der eigenen Nase hält es kein Mensch mehr lange aus. 

Verstehen, was vorgelesen wird

Das alles wird anders, wenn der sogenannte Lesehund sich durchsetzt. In dem Tier steckt eine zukunftsträchtige Idee. Das Logo "Lesehund" hat sich ein Münchener Verein (Schirmherr: Konstantin Wecker) unter Leitung einer Tierpädagogin in Deutschland schon einmal markenrechtlich schützen lassen. Nur so sei gewährleistet, dass, wer einen Lesehund bestellt, auch tatsächlich ein gut und sorgsam ausgebildetes Exemplar bekäme. In ihrem Fall: zertifiziert nach den Vorgaben der amerikanischen Organisation R.E.A.D., wobei hinter dieser Abkürzung die sogenannte "Reading Education Assistence Dogs" steckt.

Allerdings: Auch die beste Ausbildung der Welt macht aus einem Lesehund keinen guten Leser. Selbstverständlich: Lesen muss das Tier auch gar nicht, denn sein ausschließlicher Zweck ist es, anderen beim Lesen zuzuhören. Fotos von sichtbar erfolgreichen Lesehund-Einsätzen, die im Internet kursieren, legen den Schluss nahe, dass gute Lesehunde darauf trainiert werden, in allen möglichen und unmöglichen Situationen so dreinzuschauen, als würden sie tatsächlich verstehen, was ihnen gerade vorgelesen wird. 

Straßenköter lieben Twain

Auf einigen Bildern lümmeln die Hunde neben dem Vorleser oder der Vorleserin auf dem Boden herum und erwecken selbst da noch mit schief gehaltenem Kopf und einem geweiteten Auge den Eindruck unabdingbarer Aufmerksamkeit. Auf anderen Fotos schauen die Hunde an der Schulter der Lesenden vorbei direkt ins Buch hinein und tun so, als würden sie Zeile für Zeile begreifen. Auch Lesekatzen, Lesekaninchen und Leseratten soll es bereits geben. Über lizensierte Ausbildungen in all diesen Fällen lässt sich derzeit aber noch nichts in Erfahrung bringen.

Wozu das Ganze? Kindern mit Leseschwierigkeiten soll durch Lesehunde beim Lesenlernen geholfen werden. Während sich im Klassenverband bösartige Mitschüler über ihr Stammeln und Stottern lustig machen, sind einem guten Lesehund solche Störgeräusche völlig egal. Was auch kommen mag, er hört einfach nur aufmerksam zu und gibt dem Lesenden dadurch Sicherheit und Rückhalt. Auch dem Hund bekommt die Sache: In den USA, wo sie erfunden wurde, besuchen Schulklassen gruppenweise verwaiste Hunde in Heimen und lesen ihnen vor. Dem Vernehmen nach hören Straßenköter in New York besonders gern Mark Twain.