Die Entscheidung ist gefallen: Nach einem Online-Votum des Akademischen Senats hat die Berliner Alice Salomon Hochschule den Entschluss getroffen, ein Gedicht des Schriftstellers Eugen Gomringer zu entfernen, das seit 2011 die Fassade des Gebäudes ziert und an der Hochschule eine Debatte auslöste. Im Herbst soll das Haus saniert werden und dabei einen neuen lyrischen Anstrich bekommen. Die Hochschule will ein Gedicht der Lyrikerin Barbara Köhler anbringen, die 2016 mit dem Alice-Salomon-Poetik-Preis ausgezeichnet wurde. In einem Abstand von fünf Jahren soll das Gedicht durch ein neues ersetzt werden.

Der Streit nahm seinen Anfang, als Studierende der Hochschule bemängelten, dass das Gedicht avenidas, das 1951 geschrieben und 1953 in der Schweizer Zeitschrift Spirale erstveröffentlicht worden war, sexistische Inhalte vermittle. Die Studierendenvertretung plädierte dafür, das Gedicht zu übermalen und mit einem Werk einer weiblichen Autorin oder eines Autors mit Migrationshintergrund zu ersetzen. Nach dieser Forderung hat ein Streit begonnen, der viel über die angespannte Diskussion über Geschlechts- und Identitätsfragen verrät: Die einen sahen die Kunstfreiheit und das (männliche) Abendland in Gefahr, die anderen erkannten im Gedicht überkommene Geschlechterbilder.

Das Gedicht, das auf Spanisch geschrieben wurde und die Konkrete Poesie begründete, lautet folgendermaßen: "avenidas/avenidas y flores/flores/flores y mujeres/avenidas/avenidas y mujeres/avenidas y flores y mujeres y/un admirador". Die deutsche Übersetzung lautet: "Alleen/Alleen und Blumen/Blumen/Blumen und Frauen/Alleen/Alleen und Frauen/Alleen und Blumen und Frauen und/ein Bewunderer".

Wer das Gedicht liest, dürfte schnell feststellen, dass es sich um keinen eindeutig frauenfeindlichen Text handelt, sondern um ein hochgradig interpretationsoffenes Werk, das – zugegeben – aus der Feder eines Mannes stammt. Kann man das Gedicht deshalb sexistisch finden? 

Ein falsches Signal

Es gibt Analysen, die eine derartige Lesart durchaus bekräftigen: Das Werk reiht auf der einen Seite Begriffe aneinander, die klischeehaft den weiblichen Körper mit Blumen, also mit objektivierbarer Schönheit vergleichen. Der einzige aktive Teil im Gedicht ist "der Bewunderer". Er schaut, während die Frauen, Alleen und Blumen angeschaut werden. Der Bewunderer nimmt, die anderen geben. Auf der anderen Seite muss man anerkennen, dass das Gedicht keine Verben hat. Jegliche aktive Verbindung zwischen den Nomen ist reine Auslegungssache. Gomringers Lyrik konnte dadurch erst zum Streitfall werden: weil sie keine Klarheit herstellt, sondern mit Ambivalenzen und Mehrdeutigkeiten spielt, die sich der Alltagssprache entziehen. Diese Spannung macht Gomringers Zeilen überhaupt erst literaturfähig.

Mehrdeutigkeit ist aber für manche Beobachterinnen und Beobachter kein erträglicher Zustand. Wäre die Konsequenz aus dem Streitfall also, dass nur ideologisch einwandfreie und alltagssprachlich geprüfte Werke die Akzeptanz der Öffentlichkeit fänden, würde Kunst zum Kompromiss degradiert und damit zu trister Langeweile verdammt. Und genau das ist auch das Problem an der Entscheidung der Hochschule: Sie ist ein fauler Kompromiss. Anstatt das Gedicht an der Fassade beizubehalten und einen kritischen Umgang mit den unterschiedlichen Meinungen anzustoßen, wird nun eine Lösung vorgeschlagen, die alle glücklich machen soll, ohne weiter über die eigentliche Auseinandersetzung reden zu müssen. Das ist ein falsches Signal.

Ebenso schräg ist es jedoch, dem Hochschulrat bebend Zensur vorzuwerfen. Schließlich soll Gomringers Werk neben der Fassade auf einer Tafel in Spanisch, Deutsch und Englisch erhalten bleiben und an die Kontroverse erinnern. Man kann diesen Ausgang unglücklich finden, aber undemokratisch ist er nicht. Es ist eine Entscheidung, die selbst schon so mehrdeutig ist, dass sie ein eigenes Gedicht verdient.