Im Radio läuft Katy Perry:

Are we crazy?
Living our lives through a lens
Trapped in our white-picket fence
Like ornaments
So comfortable, we live in a bubble, a bubble
So comfortable, we cannot see the trouble, trouble.

Die Welt bewegt sich in SUVs und Lastwagen. Der Tempomat steht bei 140. Auf der Autobahn muss man schon hartnäckig starren, bis mal ein Überholter zur Seite guckt und irritiert zurückglotzt. Fährt man mit dem Auto durch unser Dorf, drehen sich die Köpfe. Kein Vorbeifahrer bleibt unregistriert. Es sind ja nicht so viele. Auf der Autobahn ist rausgucken für mich an diesem Freitagmorgen auf der A1 in Richtung Freiburg einfacher, als reinzugucken, hinzugucken, zu Papa. Ihn da sitzen und fahren zu sehen wie schon so viele Mal vorher. Das Gute am Autofahren ist ja, dass man sich beim Reden nicht in die Augen schauen muss. Dass man ohne Entschuldigung stur geradeaus schauen kann.

Annäherung ohne Konfrontation.

Der Text ist ein Auszug aus Mareike Nieberdings Buch "Ach, Papa". Es erscheint am 15.1.2018 im Suhrkamp Verlag und kostet 14,95 €. © Suhrkamp Verlag, Berlin 2018

Die erste Zigarette raucht er nach 82 Minuten Fahrzeit, um 6:44 Uhr. Es ist ungewohnt, so lange zusammen unterwegs zu sein. Noch viereinhalb Stunden. Ich stelle Fragen, um die Stille zu füllen. So wie der Smalltalk zu Beginn eines Recherche-Termins, mit dem man den Interviewpartner und sich selbst warmquatscht und herausfindet, auf welcher Ebene man diesen Fremden jetzt zum Reden bekommt: über Humor oder Provokation oder Tiefschürfen.

Ein Interview ist immer auch ein Flirt. Egal, ob da ein Mann oder eine Frau sitzt. Es geht darum, dem anderen etwas zu entlocken, das er sonst noch niemandem erzählt hat. Das kann eine kleine Anekdote sein oder die große Lebensbeichte. Hauptsache, man hat mehr rausbekommen als die anderen. Mit Papa funktioniert das natürlich nicht. Dafür ist unser Kommunikationsverhalten viel zu belastet, war viel zu oft von anderen Menschen im Raum beherrscht.

Aber nun sind wir allein. Im Auto riecht es nach Zigaretten, Plastik und Papas Shampoo. Der Tag ist kaum angebrochen und wir rasseln durch seine Vergangenheit, durch sein Studium in Freiburg, seine Zeit in Münster und Hamburg. Ich bin ganz und gar im Interviewmodus:

Erinnerst Du dich noch, wie du das erste Mal nach Freiburg gefahren bist?
Weißt du noch, wie du dich gefühlt hast, als du von zu Hause ausgezogen bist?
Was hat Opa da gesagt?
Wie hat Oma da geguckt?
Und deine Geschwister?
Und die alten Freunde?
Wie habt ihr denn Kontakt gehalten damals?
Und wo hast du als Erstes gewohnt?
Wie hieß die Straße?
Was für ein Auto bist du gefahren?

Und wie oft warst du dann zu Hause? Ach, nur zweimal im Semester. Krass. Ich denke: Und mir habt ihr das immer vorgeworfen, dass ich so selten zu Hause war. Ich verhalte mich nicht wie eine interessierte Tochter, sondern wie eine Journalistin, die in kürzester Zeit die meisten Informationen aus dem Gegenüber herausholen will. Inklusive der Farbe seines ersten Autos (Weiß, es gehörte eigentlich Oma), der Dekoration in seiner Studentenbude (keine Poster an der Wand, nichts), der Musik, die er damals gehört hat (Supertramp, Queen, Uriah Heep, so was). Unser Gespräch ist wie der Berufsverkehr drum herum, es fließt, aber zwischendurch müssen wir auch mal scharf bremsen, weil ich zu schnell angefahren bin.

Die erste Pause machen wir bei Olpe, Nordrhein-Westfalen, ein Pott Kaffee und noch eine Zigarette für Papa. "Und, wie ist es, allein mit deinem Papsi unterwegs zu sein?", fragt er. Ich schaue auf den Mülleimer vor uns, dort tänzelt eine Bachstelze, und mir fällt ein, dass das auf Plattdeutsch Wippsteert heißt, "Schön!", sage ich und lächle verlegen, während ein Mann mit einem Bialetti-Kaffeekocher über den Parkplatz läuft, woraufhin ich anfange von den Kaffeegewohnheiten des algerischen Vaters einer Freundin zu erzählen, der keine Reise ohne seinen Mokkatopf antritt. Ich lenke ab. Papa hat seinen Fahrerkaffee früher immer in einer grünen Vilsa-Glasflasche links neben seinem Sitz deponiert. Ich kann mich nicht erinnern, in unserem Haushalt je eine Thermoskanne gesehen zu haben. Das fällt mir noch ein, aber ich sage es nicht. Dann geht es weiter. Ich schlafe. Ich wache auf. "Na, gut geschlafen, mein Engelchen?" Hinter Frankfurt sitzen Flugzeuggucker auf einer Brücke über der Autobahn. Ich frage mich laut, warum. Er sagt: "Vielleicht haben die Frauen sie hinausgejagt, weil sie putzen wollen." Ich sage: "Haha."

Ich beobachte ihn. Seine Augen werden klein. Fahrerwechsel. "Ich bin wirklich nicht müde!" Widerwillig fährt er auf den nächsten Parkplatz und lässt mich ans Steuer. Ich fahre seit zwölf Jahren Auto, unfallfrei. Trotzdem erklärt er mir, wie der Tempomat funktioniert. Die Autobahn ist voll, andauernd muss ich abbremsen und den Tempomat wieder neu aktivieren. Er schaut mir auf die Finger. Ich fühle mich wie in der Fahrschule. Irgendwann schläft er ein. Kopf im Nacken, die Kissen, die ich ihm angeboten habe, hat er auf den Rücksitz geworfen. Tüdelkram. Später wird er mich loben, wie gut ich gefahren sei.

Früher, vielleicht sogar noch am Abend vor der Abreise auf dem Sofa bei Maybrit Illner, hätte ich mich als Frau von seinem Lob angegriffen gefühlt. Hätte mich über das Frau-am-Steuer-Ungeheuer-Stereotyp geärgert.

Die Zeit im Auto mit ihm stimmt mich milde. Die fragende, genervte, irritierte Tochterstirn glättet sich schon nach fünf gemeinsamen Stunden. Vielleicht ist in Beziehungen nicht nur das Reden wichtig, sondern auch das Sein.

Ich meine damit nicht das gemeinsame Schweigen, wie es immer über Partnerschaften oder Freundschaften heißt. Weil Schweigen eine Handlung ist und dem Wunsch entspringt, nichts sagen zu wollen. Das Sein ist nichts, was man aktiv entscheiden oder sich wünschen kann. Man ist einfach, und somit kann das Sein auch beim anderen nichts hinterlassen, außer dem wohligen Gefühl, nicht einsam zu sein.