Anfang des Jahrtausends schrieb der Lyriker Thomas Kling darüber, was für ihn notgedrungen zu seiner Arbeit dazu gehöre: "Ein Image muß her; Marketing zählt." Das ist 17 Jahre her, aber wer sich gerade mit dem Literaturbetrieb beschäftigt, stellt fest, dass sich wenig geändert hat. Ja, die Inszenierung des eigenen Schreibens ist, mal zum Nutzen der Autoren, mal zu ihrem Leidwesen, noch wichtiger geworden. Wer Image sagt, gelangt schnell zu dessen Zwillingsbegriff, dem Label. Autoren als Marke – diese Verschiebung hin zum Marketing lässt sich zurzeit in der jungen Literaturszene besichtigen, bei den RKOL, den Rich Kids of Literature, die seit einiger Zeit öffentlichkeitswirksam und publizistisch erfolgreich ihren Auftritt beziehungsweise ihren Aufstand üben.

Im Jahr 2015 gründeten Katharina Holzmann, Sascha Ehlert und David Rabolt den Korbinian Verlag, in dem bisher fünf Bücher veröffentlicht wurden. Die Zeitschrift Das Wetter, ein "Magazin für Text & Musik", deren Herausgeber ebenfalls Ehlert ist, gibt es seit 2013, kürzlich erschien die 14. Ausgabe. Zudem laden die RKOL regelmäßig zur Lesereihe "Ist das noch Literatur?", die vom Autor Leonhard Hieronymi moderiert wird. Hinzu kommen Fan-Artikel mit aufgestickten RKOL-Kürzeln, Instagram-Accounts sowie kleinere Soirées mit Auktionen und Performances. Hinter alledem steckt ein durchaus reizvoller inszenatorischer Gestus, durch den hindurch der Gegenwartsliteratur wieder "mehr Lebendigkeit, Action, Poesie, Fun und Wagnisse" injiziert werden soll. So steht es jedenfalls im Manifest der Ultraromantik, das Hieronymi 2017 im Korbinian Verlag veröffentlicht hat. Das Anliegen des Buches besteht darin, "eine neue literarische Bewegung" zu lancieren, "die die zeitgenössische deutschsprachige Literatur retten" soll.

In diesem Sound reden seit mehr als hundert Jahren jene, die sich als Avantgarde betrachten. Futurismus, Dadaismus, Surrealismus – im ersten Viertel des zwanzigsten Jahrhunderts etablierten sich viele Kunstbewegungen, die für sich reklamierten, die alte, erstarrte Literatur abzulösen. Indem sich Hieronymi des Manifests, der Gattung der avantgardistischen Moderne, bedient, stellt er sich in deren Tradition und versucht sie unter den Vorzeichen des beginnenden 21. Jahrhunderts fortzuführen.

Avantgardistischer Hauruck

In den öffentlichen Instagram-Stories der RKOL bekommt man einen ersten, mithin ernüchternden Eindruck, wie sich der erwähnte Fun so anfühlt: Statt Sekt aus Plastikbechern trinkt die Clique Crémant aus bestielten Gläsern. Und ähnlich der Feierwilligen, die gegen das gesetzliche Tanzverbot an Karfreitag aufmucken, möchte das Kollektiv, so steht es in der Ultraromantik, gegen das "inoffizielle Ekstaseverbot" vorgehen, "das es hier irgendwie schon immer gegeben hat".

Bei diese Forderung lohnt es sich, genauer hinzuschauen. Pathos im Sinne einer stilistischen Ekstase, wie er hier verlangt wird, ist ja keineswegs verboten, sondern eher seitens Literaturkritik und Leserschaft negativ sanktioniert. Und das geschieht in vielen Fällen völlig zu Recht, weil die Ekstase, das Aus-sich-heraus-Treten, oftmals als historisch verbrämtes Gehupe und monumentale Wortblendung daherkommt. Wer, wie etwa der Autor Alban Nikolai Herbst, an einer umsichtigen Aktualisierung ekstatischen Sprechens arbeitet, mag skeptisch beäugt werden, des Raumes wird er sicherlich nicht verwiesen.

Indem die Ultraromantiker eine Tür einrennen wollen, die gar nicht verschlossen ist, wenn man sie nur behutsam zu öffnen weiß, beweisen sie zweierlei: einen bemerkenswert kreativen Eifer, endlich mal loszulegen, sowie eine gewisse Theoriearmut bezüglich der eigenen Forderungen. Die sozial- und polithistorischen Gründe, wieso "hier" in Deutschland "irgendwie" nach totalitären Erfahrungen ekstatisches Sprechen als problematisch gilt, werden jedenfalls weder bedacht noch kritisch ausgeführt. Das passt schlichtweg nicht zur verlangten avantgardistischen "Action".