Kurze Durchsage: Die Sektkübel der Selbstironie sind leer, Bohemiens haben ihr wildes Leben unter schwedischen Rausrollmöbeln bestattet, sogar die letzte versiffte Bank am Wasser wird von Konzernen alimentiert und der Kaffee ist auch nicht so gut, wie alle anderen unentwegt behaupten. Soweit die neuesten Nachrichten aus Berlin. Und wegen alldem oder Ähnlichem kann man schon mal wütend werden, so wie der Ich-Erzähler im Buch des Autors Leander Steinkopf, das den beißend ironischen Titel Stadt der Feen und Wünsche trägt. Denn das hier von den Wünschen nichts mehr übrig ist, dass die Feen von einst lediglich zu gehetzten Mitgliedern des "Coolnesskalifats" von heute geworden sind, das wird schon nach wenigen Zeilen dieser schmalen Erzählung deutlich. In ihr begegnen uns die ausgeträumten Träumereien des einsamen Spaziergängers, der drei Tage durch die Hauptstadt läuft. Flaneursprosa im Modus der Vermisstenanzeige. Vorstellung und Wirklichkeit von Berlin: letztes Pistolenduell in der Sommerhitze. 

Die Stadt erscheint hier als Desillusionierungsmaschine, in der sich die Leute geschwätzig um die Häuser wälzen. Der Erzähler selbst spaziert oft mit gesenktem Kopf, den Blick zu Boden gerichtet, auf dem er seine eigene Unpässlichkeit zu erkennen glaubt: "Ich betrachte den Bürgersteig mit Neid (...) Für jeden Stein gibt es dort einen Ort und ein Gefüge, passende Partner, Nähe und Halt." Wenn man schon Berliner Bürgersteige um ihr Dasein und Sosein beneidet, muss einiges passiert sein.  

Steinkopfs Flaneur hat zum einen eine notorische Abgeklärtheit, zum anderen einen melancholischen Eigendünkel. Diesen teilt er sich mit Rilkes Malte Laurids Brigge und den Figuren von Haruki Murakami, die sich pausenlos in Tokio selbst abhanden kommen. Möglicherweise hat er auch Liebeskummer, es gibt eine Hanna, es gibt eine Judith, und mit beiden will es nicht klappen. Er verbringt seine leer vergehende Zeit auf Dächern mit Bundeswehrtypen, bewegt sich im dissidenten Tempo durch die Geschäftigkeit der Gelderwebsgesellschaft und richtet dabei seinen nostalgischen Ungefährismus auf eine lautlos untergegangene Welt, in der zwischen den Häusern und Straßen noch ein Befreiungszauber hing.  

Der Hass des Flaneurs

Steinkopfs Erzählung besitzt eine durchaus immer wieder enttäuschte Suchbewegung nach dem Wahrhaftigen, nach letzten Vibrationen des einen großen Versprechens, das diese Stadt einmal gegeben haben könnte. Nun versperren Schwangere die Aussicht aufs Glück, und die Rollkoffer der Touristen übertönen die eigene romantische Schicksalsmelodie, die schon lange immer leiser wird.  

Der Hass des Spaziergängers gilt den Kinderwägen auf den Straßen, den Bobo-Eltern, den Burnout-Visagen, den Stehempfangsgesichtern, dem "Feinkostblödsinn", den Leuten, die "irgendwie auch Journalist" sind, den Kellnerinnen in den Cupcake-Cafés und den Amerikanern, die diese Cafés führen. Er gilt den engagierten Studenten, die vergeblich gegen irgendwas andemonstrieren und den verwahrlosten "Unterschichtsscheuchen", er gilt Radfahrern und ihrem "besserwisserischen Klingeln", die ihre Umwelt verpesten mit "ihrer Vorbildlichkeit". Es sind der Prenzlauer Berg, Friedrichshain, die Weltzeituhr, die Biozausel aus Kreuzberg und die Hipster in Neukölln, die Steinkopfs Erzähler abschreitet und zu seiner persönlichen Verbitterungslandschaft verdichtet. Und ja, bestimmt hält man zuweilen einiges davon wirklich schlecht aus, und manches ist auch schon lauer und unschärfer beschrieben worden als von Leander Steinkopf. Vieles aber auch besser. Vor allem aber schon hundertfach.    

Es vergeht kaum ein Tag, an dem nicht jemand für ein Stadtmagazin oder für eine dieser professionell aufgekratzten Jugendwebsites durch die Berliner Viertel läuft und triumphierend mit der Erkenntnis zurückkommt, dass die Individualität letzthin nur austauschbare Lebensstile und gutgelaunte Entfremdung übriglässt, beziehungsweise Individuen ohne Individualität. Als solche hat etwa auch Botho Strauß die Menschen der Spätmoderne wieder und wieder vorgeführt. Allerdings schon in den Achtzigern.

Wir befinden uns hier in einem sehr strapazierten Genre. Ab und an gelingen Steinkopf zwar recht einfallsreiche Bonmots, jedoch verfällt das Buch allzu oft ins Sentenziöse: "Man muss seine Zeit verschwenden, um zu lernen, was sie wert ist." Oder: "Wenn ich hier bliebe, würde ich die Sehnsucht vermissen." Und wenn dort steht "(...) weil die Welt sich nicht wandeln wird, muss man sich selbst anpassen, hält die Seele mit Hosenträgern oben, dass man sie nicht verliert", würde man gern wissen, auf welcher Höhe literarische Flaneure ihre Seele vermuten.

Schwer zu sagen, ob das nun das "Anti-Berlin-Buch" ist, wie es sich mancher Kritiker offensichtlich dringend herbeigewünscht hat, oder nicht doch eine indirekte Liebeserklärung an all die uneingelösten Konjunktive, in denen eine Stadt so herumexistiert. Die meiste Zeit über bleibt Steinkopfs Flaneur jedenfalls der freiwillige Gefangene seiner eigenen Larmoyanz.   

Leander Steinkopf: Stadt der Feen und Wünsche. Hanser Berlin, Berlin 2018, 112 Seiten, 16 €.