Erst nach der Lektüre von Der Clan der Kinder vermag man die Widmung, die Roberto Saviano seinem ersten Roman vorangestellt hat, in ihrer ganzen fatalen und tragischen Bedeutung zu erfassen: "Den schuldigen Toten. Ihrer Unschuld." Und ebenfalls erst, wenn man den Roman zugeschlagen hat, wird das im Buch vom Romantiker Novalis entliehene Motto Unbehagen erzeugen, "Wo Kinder sind, da ist ein goldenes Zeitalter". Denn golden oder gar verheißungsvoll ist hier wenig. Schon gar nicht mit Blick auf die Kinder.

Savianos Roman zeichnet das Bild einer Gesellschaft, in der Heranwachsende in Neapel durch die soziale Misere und das gewachsene System mafiöser Strukturen lediglich versuchen können,sich entweder auf die Seite der Täter zu schlagen oder sich von diesen drangsalieren zu lassen. "Es gibt die Verarscher und die Gearschten, sonst nichts", heißt es lapidar. Man solle in sein Inneres blicken und sich dann fragen, "ob du Gearschter oder Verarscher bist".

Der 1979 geborene Roberto Saviano, der im Jahr 2006 mit seinem detailliert recherchierten Mafia-Enthüllungsbuch Gomorrha Aufsehen erregte und seither sein Leben unter Polizeischutz verbringen muss, erzählt in Der Clan der Kinder über eine jener Jugendbanden, die heute nicht nur in Neapel präsent sind und deren Anführer die großen Clanchefs abgelöst haben. Angst zu verbreiten, ist die Grundlage ihrer stetig wachsenden Macht. "Und dann war die Altstadt an der Reihe. (…) Auch dort musste man Angst säen. 'Alle müssen gelb vor Angst werden!' Die Farbe der Panik, der Gelbsucht, des Durchfalls."

Die Komik ist von kurzer Dauer

Die Faszination von Savianos Roman beruht zunächst auf dem Prinzip klassischer Mafiaerzählungen. Es gibt eine bestehende Ordnung, so fern aller Gesetze und Moral sie auch sein mag. In ihr gewinnt derjenige  die Oberhand, der diese Ordnung am besten durchschaut, der wie bei einem großen Domino-Parcours weiß, welches Steinchen man anstoßen muss, um nach einer Abfolge von miteinander verknüpften Reaktionen das gewünschte Resultat zu erzielen. Dass ausgerechnet der junge Nicolas sich darauf versteht, mag zunächst überraschen, kommt er doch aus einem Elternhaus, das nichts mit der Camorra zu tun hat. Aber genau darin liegt die Besonderheit der neuen Verhältnisse, wie Saviano sie uns erzählt: Teil des kriminellen Systems kann jeder werden, der dessen Strukturen lesen kann. Und Nicolas ist ein glänzender Hermeneut.

Wenn er anfangs gemeinsam mit den Jungs, die er um sich schart, kleinere Delikte begeht, um sich die neuesten Turnschuhmodelle kaufen zu können, dann gebührt ihnen durchaus noch die Sympathie der Leser und Leserinnen. Nicht zuletzt deshalb, weil Saviano zeigt, dass sie eben in einer Umgebung aufgewachsen sind, in der eine etwas verquere Form der Selbstjustiz schlichtweg zum Alltag gehört. Symptomatisch und durchaus nicht ohne Witz etwa ist jene Szene, als ein Vater wegen eines in seinen Augen unberechtigten Elfmeters gegen die Mannschaft seines Sohnes auf den Fußballplatz stiefelt und mit aller Selbstverständlichkeit den Ball aufschlitzt.

Aber die Komik ist allenfalls von kurzer Dauer. Die Verbrechen der Jungen werden nicht nur brutaler, sondern auf eine erschreckende Weise willkürlich. Nachdem sie sich Waffen organisiert haben, schießen sie von ihren Mopeds aus wahllos auf Passanten. Sie fahren Kinderwagen um, ohne dass den Jungs dabei bewusst wird, welches Ausmaß ihre Gewalt angenommen hat oder gegen wen sie sich richtet. Sie sind in das einstmals von den Erwachsenen betriebene Spiel eingestiegen und beherrschen dessen Regeln. Sie ahmen dessen auch medial vermittelte Rituale nach und scheinen doch der Maßlosigkeit ihrer Gewalt ab einem gewissen Punkt ähnlich hilflos ausgeliefert zu sein wie die Opfer selbst.