Erst hat sie von allem nichts gewusst, und jetzt ist sie "schockiert": Die amerikanische Feministin Camille Paglia hat dem rechtsradikalen Antaios-Verlag ihre Aufsatzsammlung Free Women, Free Men zur Übersetzung angeboten, und nun muss sie zu ihrem Entsetzen feststellen, dass der Verlag politisch unappetitliche Bücher auf den Markt bringt und in Deutschland genau den Ruf hat, den er auch verdient. In der Süddeutschen Zeitung wirft Paglia dem Verlag "Verstümmelung meines geistigen Eigentums" vor. Er habe ihr schönes, unschuldiges Buch schwer misshandelt, er habe Überschriften frech verändert, ganze Sätze halbiert, Passagen einfach weggelassen sowie dem Werk ein neues Vorwort und einen neuen Titel verpasst. Frauen bleiben, Männer werden heißt es nun. Der Verlag findet seine Maßnahmen naturgemäß halb so wild und verspricht, das Originalvorwort künftig als Booklet beizulegen.

Im höheren Dienst philologischer Gerechtigkeit könnte man Camille Paglias Zornesausbruch auf den Grund gehen und die deutsche Übersetzung ihres Buches auf nachträglich eingefügte braune Stellen durchmustern. Doch viel aufschlussreicher ist die Frage: Was ist das für eine seltsame Mesalliance? Warum reißt sich ein rechtsradikaler Verlag darum, die Aufsätze einer amerikanischen Feministin zu veröffentlichen, die sich als linke Demokratin versteht, als Bewunderin von Bernie Sanders und Angela Merkel?

Die Erklärung ist einfach: Camille Paglia vertritt, höflich gesagt, einen sehr speziellen Feminismus. Dieser kreist um den Vorwurf, dass die Sache der Frauen an den, wörtlich, "Stalinismus" der männerhassenden Gendertheorie verraten wurde. Die erste Welle des Feminismus – Dorothy Parker, Mary McCarthy und viele andere – sei großartig gewesen, doch nach ihr gelangten die Erzieherinnen an die Macht. Anstatt sich darauf zu beschränken, für Frauen gleiche Rechte zu fordern, versuchte das "neue feministische Establishment", Männer abzurichten und ihr biologisches Wesen zu verändern. Seit diesem Verrat an den wahren Zielen des Feminismus gibt es nichts Großes mehr auf diesem Feld, es gibt nur noch Camille Paglia. "Ich bin eine Kriegerin. Ich muss mich nicht in einer Frauengruppe ausweinen. Mein Leben ist Hardrock. Ich mache keine Gefangenen." Dem ist nicht zu widersprechen. Die Tochter italoamerikanischer Eltern liebt den Krawall und gratuliert allen Verlagen, die ihre Bücher nicht drucken wollen. Es sind eine Menge.

Sie stehe zu jedem Wort

Paglia wurde einer breiteren Öffentlichkeit 1990 mit einem (in der New York Times erschienenen) Aufsatz über Madonna bekannt, ein Jahr später erschien ihr 800-Seiten-Buch Die Masken der Sexualität. Das Echo war gespalten, nur der Playboy fand den Angriff auf "linke Moralapostel" und Gendertheorie ziemlich scharf. Tatsächlich bekämpft Paglia die Auffassung, die Geschlechterrollen seien nicht biologisch, sondern kulturell determiniert. Sie bekämpft den Opferfeminismus und will das Jammern "überbehüteter" junger Frauen über Vergewaltiger nicht länger hören. Die Frauen seien selbst dafür verantwortlich, wenn sie eine Collegeparty mit alkoholisierten Lümmeln nicht heil überstünden. "Es gibt so ein Riesentheater um misshandelte Frauen. Was soll denn das? Wenn sich eine Frau lasziv auf einem Sessel rekelt, kann kein Mann sie ernst nehmen, wenn sie plötzlich nein sagt."

Paglias Bemerkung, Frauen seien an ihrer Vergewaltigung selbst schuld, entfachte 1990 einen Riesenskandal; seitdem besucht sie Diskussionsveranstaltungen nur noch in Begleitung von Bodyguards. Zurückzunehmen, schreibt sie in ihrem neuen Buch, habe sie nichts. Wenn Feministinnen den Frauen einredeten, die Natur sei bei allen gleich, auch bei Männern, dann dürfe man sich über die Folgen nicht wundern. "Ich stehe zu jedem Wort."

Männer, so heißt das, seien von Natur aus potenzielle Vergewaltiger, aber deshalb nicht moralisch minderwertig. Man müsse ihnen gnädig sein, denn ändern ließen sie sich nicht. Ändern könne man nur das Verhalten der Frauen – sie müssten endlich in der Lage sein, sich allfälliger männlicher Übergriffe zu erwehren. Paglia selbst bevorzugt die Femme fatale, jenen Typ, den die Schauspielerin Ursula Andress im James-Bond-Film Dr. No verkörpert, wo sie als schaumgeborene Harpunenfischerin "im schönen Bikini" am Strand auftaucht und an der Taille ein Messer trägt. Aber auch an den Dallas Cowboys Cheerleaders findet sie Gefallen. Und wenn keine unmittelbare Gefahr droht, sagt sie in einem Interview, dann dürfen es auch Frauen sein, die auf Bildern aussehen wie "reife Früchte, die man einfach pflücken und verzehren möchte".