Der Pulitzerpreis kann gar nicht unpolitisch sein. Denn in seiner wichtigsten Kategorie für journalistische Arbeiten werden dezidiert solche Publikationen ausgezeichnet, die der Öffentlichkeit einen Dienst erweisen. Der bedeutendste amerikanische Preis für Journalismus, der gedruckt oder mittlerweile auch online veröffentlicht wird, benutzt also die Wirkung des Wortes als ein Kriterium – nicht nur die individuelle Güte einzelner Texte oder Fotos. Aufklärung, so lässt sich das verstehen, ist die höchste Aufgabe des Journalismus.

Und die größte Aufklärungsleistung, das zeigen die am gestrigen Tag verkündeten Entscheidungen der diesjährigen Pulitzer-Jury, bestand im vergangenen Jahr darin, die zum Teil jahrzehntelang vertuschten Taten sexualisierter Gewalt zu enthüllen, die mächtige Männer begangen haben. Nicht nur, aber zuvorderst für ihre investigative Recherchen im Fall des Filmproduzenten Harvey Weinstein werden Jodi Kantor und Megan Twohey von der New York Times und Ronan Farrow vom New Yorker ausgezeichnet. Ihre Enthüllungen, so die Begründung der Jury, hätten auf der ganzen Welt eine Auseinandersetzung mit dem sexuellen Missbrauch von Frauen in Gang gesetzt. Das ist zweifellos so, und das zeigt, dass die Wirkung des amerikanischen Journalismus eben weit über die USA hinausreicht: Er kann im besten Fall Reporterinnen und Reporter in weit entfernten Ländern in ihrer Arbeit beeinflussen und weltweit gesellschaftliche Debatten auslösen.

Berichte über Russlands Einfluss auf die Präsidentschaftswahlen

Betrachtet man die Liste der diesjährigen Pulitzerpreisträgerinnen und -preisträger und die Themen, mit denen sie sich befasst haben, ergibt sich aber vor allem ein Großporträt der Vereinigten Staaten von Amerika in Zeiten der Präsidentschaft von Donald Trump. Die New York Times und die Washington Post, die beiden führenden amerikanischen und von Trump ziemlich offensichtlich meist verachteten Tageszeitungen, werden gemeinsam für ihre Berichte über die Versuche Russlands ausgezeichnet, Einfluss auf die US-Präsidentschaftswahlen 2016 auszuüben und Verbindungen zur Trump-Kampagne zu knüpfen; die Washington Post gewinnt außerdem einen Pulitzer für ihre Enthüllungen von persönlichen Verfehlungen Roy Moores, der republikanischer Kandidat bei den zurückliegenden Senatswahlen in Alabama war und von Trump persönlich unterstützt wurde. Zudem wurden der Regionalzeitung The Arizona Republic und der überregionalen USA Today zusammen ein Preis für ihre Recherchen zum möglichen Bau einer Grenzmauer zwischen den USA und Mexiko zuerkannt, einem der Hauptwahlversprechen Trumps.

Und auch das Foto, das als bestes Nachrichtenbild prämiert wird, steht in unmittelbarem Kontext mit Trump: Der Fotograf Ryan Kelly hatte es an seinem letzten Arbeitstag im Newsroom des Daily Progress in Charlottesville gemacht, am 12. August 2017. Er hielt den Moment fest, in dem ein Mann seinen PKW in eine Menge steuerte, die friedlich gegen einen Aufmarsch von Rechtsextremen demonstriert hatte; eine Frau starb bei diesem Attentat. Trump befand hinterher, es habe auf beiden Seiten gute Menschen gegeben, und diese relativierende Erklärung löste – jenseits der Ermittlungen gegen Trump durch den Sonderermittler Robert Mueller – wohl die bislang größte innenpolitische Krise von Trumps Präsidentschaft aus.

Eine düstere Charakterstudie eines rassistischen White-Supremacy-Anhängers liefert dann auch das völlig zu Recht als bestes Feature ausgezeichnete essayistische Porträt des Charleston-Attentäters Dylann Roof, das die Reporterin Rachel Kaadzi Ghansah für die amerikanische GQ verfasst hat: Das Böse mag banal sein, doch es bedarf immer wieder der Betrachtung, das zeigt dieser grandiose Text.

Der amerikanische Journalismus ist den Anfeindungen gewachsen

Dass in der nicht journalistischen Kategorie Musik mit Kendrick Lamar schließlich erstmals ein Hip-Hop-Künstler für ein Album mit einem Pulitzerpreis geehrt wird und nicht wie bisher ausschließlich Komponisten und Musiker aus Klassik oder Jazz, kann man auch als politisches Signal verstehen: Lamars 2017 erschienenes Album Damn. sei, so die Pulitzer-Jury, eine "virtuose Song-Sammlung, die umgangssprachliche Authentizität und rhythmische Dynamik vereint und berührende Vignetten liefert, die die Komplexität des modernen afroamerikanischen Lebens erfassen". In einer der entscheidenden Stellen des Albums rappt Lamar die Zeile "America's reflections of me, that's what a mirror does": Amerika betrachte sich beim Blick auf ihn selbst im Spiegel.

So kann man auch die Gewinnertexte und -fotos des diesjährigen Pulitzerpreises verstehen. Dieser Blick auf sich selbst geschieht derzeit, wie die Preisverkünderin Dana Canedy es formulierte, "in herausforderndsten Zeiten" für den amerikanischen Journalismus, der fast täglich vom US-Präsidenten als "Fake News" auf Twitter angegriffen wird. Das Beruhigende ist: Bislang ist der amerikanische Journalismus den Anfeindungen nicht nur gewachsen, die Pulitzerpreise zeigen, dass er sie überragt und mit seinen besten investigativen Leistungen widerlegt. Die Zeiten für Journalismus mögen in Amerika (wie überall sonst auch) schwierige sein, politisch wie ökonomisch. Doch so gut wie heute, so wirkungsvoll auch weit über die USA hinaus war er selten zuvor.