Man muss sich das Bild vorstellen: Im Recklinghausen der späten siebziger Jahre steht ein blinder Wikinger mit langem gegabelten Graubart an der Ecke Breite Straße/Lampengässchen und verkauft Gedichte. Jeden Tag, bei Sturm, bei Schnee. Immerhin zieht sich Moondog, wie er sich nennt, warm an, langer Mantel, eine Art Helm-Mützen-Kombination samt Hägar-Hörnern, Speer. Trotz der kämpferischen Montur haben Ilona Goebel und ihr kleiner Bruder Mitleid, wollen ihn über Weihnachten einladen. Er bleibt bis kurz vor seinem Tod bei ihnen in Oer-Erkenschwick.

Nicht tot, nur untergetaucht: Während Paul Simon 1974 in Amerika Moondogs Tod betrauerte, gab der Straßenmusiker in Deutschland Konzerte © Roof Music

Was hätte Moondog, 1916 als Louis Thomas Hardin in Maryville im US-Staat Kansas geboren, nicht dafür gegeben, nur einen einzigen Tag später zu sterben. Er verehrte die Zahl Neun als göttlich, glaubte, das Megamind (sein Wort für Gott) offenbare sich im neunten Ton der Obertonreihe, die er als kosmischen Code sah. Moondog starb am 8. 9. 1999. Er wurde 83 Jahre alt.

Blind war Louis, seit er mit 16 eine Dynamitstange gefunden und damit gespielt hatte. Auf der Blindenschule entdeckte er klassische Musik, lernte mehrere Instrumente und las alles zur Musik, was er in Braille finden konnte. Erste Kompositionen notierte er in Blindenschrift.

Von 1943 an stand Hardin in New York an einer Ecke der 6th Avenue, schlug eine Handtrommel, die er Trimba nannte, oder spielte eine von ihm erfundene Zither namens Oo. Seine selbstgebauten Instrumente waren dreieckig, seit er sich mit pythagoräischer Zahlensymbolik befasst hatte. Der musikalische Clochard wurde zur Sehenswürdigkeit. Das Hilton-Hotel soll seine Adresse in Werbeannoncen mit "gegenüber von Moondog" angegeben haben. So nannte sich der Sonderling jetzt, nach seinem Blindenhund, der so gern den Mond anheulte. Er las die Sagen der Edda und staffierte sich mit Umhang und Speer aus.

Musiker der New Yorker Philharmoniker sollen ihn zu Proben mitgenommen haben, wo er Arturo Toscanini, Igor Strawinski und Leonard Bernstein kennenlernte. Und Charlie Parker soll dem Wahlwikinger gesagt haben: "Wir sollten eine Platte zusammen aufnehmen." Der Jazzer starb, bevor es dazu kam.

Moondog gab ein Konzert mit Charles Mingus, begleitete den Beat-Poeten Allen Ginsberg bei einer Lesung. In den fünfziger Jahren nahm er erste Alben auf, Straßenmusik mit Umweltgeräuschen, Miniaturen mit Hund, Duette zwischen Bambusflöte und Dampfernebelhorn oder zwischen Percussion und Stepptänzer. Und um 1970 konnte er zwei Platten mit mehr als 40 Musikern einspielen.

Die strengen Gesetze des Kontrapunkts waren Moondog ein Dogma – er strich "Fehler" in den Werken Bachs an. Aber seine Musik klingt weder streng noch barock, eher liebenswert schrullig, wie ein Erik Satie, dem Westküstenhippies eine Spur LSD in den Café au Lait gerührt haben, ein Sun Ra ohne Arkestra. Oft schielt der Blinde mit dem inneren Auge auf den Jazz wie in seinem bekanntesten Stück, einer Hommage an Charlie Parker, Bird's Lament.