ZEIT ONLINE: Frau Auerbach, moderne klassische Musik hat es schwer zwischen den Vier Jahreszeiten und der Eroica. Wie erwecken Sie Interesse für Ihre Werke?

Lera Auerbach: Leidenschaft schafft Leidenschaft. Ich denke, moderne klassische Musik ist sehr aufregend. Wenn Zuhörer Konzerte erleben, die spannend sind und sich mit ihren Gefühlen direkt verbinden, wird ihr Interesse geweckt. Ich hoffe, dass meine Arbeit die Kraft in sich trägt, eine Verbindung zu meiner Generation herzustellen.

ZEIT ONLINE: Wenn Sie ein neues Stück komponieren, wissen Sie dann schon von Anfang an, wie das gesamte Werk aussehen soll?

Auerbach: Für gewöhnlich habe ich zuerst nur eine abstrakte Vorstellung in meinem Kopf. Dann beginne ich, eine grobe Skizze des gesamten Werkes anzufertigen, um die Idee so schnell wie möglich in Umrissen zu fixieren, ohne mich zu sehr um die Details zu kümmern. Wenn die Form vorhanden ist, kann ich damit beginnen, sie zu füllen.

ZEIT ONLINE: Woher nehmen Sie die oft schockierende Ausdruckskraft Ihrer Werke?

Auerbach: Ich möchte mich mit meiner Musik so aufrichtig wie möglich an die Zuhörer wenden. Jemand bat mich kürzlich, meine Musik in einem einzigen Wort zu beschreiben. Zuerst dachte ich, das sei eine verrückte Bitte. Als ich aber dann darüber nachdachte, fiel mir das Wort ein: angstfrei. Ich möchte mit meiner Musik einen Raum schaffen, in dem sich die Menschen ohne Angst bewegen können.

ZEIT ONLINE: Ihre Musik speist sich aus ganz unterschiedlichen Quellen und ist dabei doch sehr eigenständig. In welcher musikalischen Traditionslinie sehen Sie sich?

Auerbach: Alfred Schnittke war einer der Komponisten, der mich in Beziehung zur Polystilistik brachte. Polystilistik bedeutet die Freiheit, mit allen musikalischen Epochen und Bedeutungen zu spielen, um dein Ziel zu erreichen, und es gibt keine Begrenzungen dafür, was du tun kannst. Wir besitzen heute mehr Information über die musikalische Tradition als jemals zuvor. Es gibt keinen Grund, etwas nicht zu verknüpfen und in seinem Käfig zu belassen. Ich kann aus allen Quellen schöpfen, die ich liebe, und diese in meine eigene Tonsprache integrieren.

ZEIT ONLINE: Gehören dazu auch Quellen wie Pop- und Weltmusik?

Auerbach: Ich bin definitiv offen für ganz verschiedene musikalische Einflüsse. Ich verschließe mich nicht, sondern halte meine Ohren offen, und ich liebe es, mit anderen Kulturen konfrontiert zu werden. Dabei habe ich das Gefühl, dass diese Strömungen mich darin bereichern zu sehen, was Musik alles sein kann. Ich denke, das einzig wichtige Kriterium ist das Talent, egal, ob die Musik nun aus dem Popbereich oder aus der Tradition der Volksmusik kommt.

ZEIT ONLINE: Ist das ein Plädoyer gegen den Mainstream?