Lera Auerbach "Musik kann die Leute weinen lassen"

Lera Auerbach ist Literatin und Komponistin – eine der wichtigsten der Gegenwart. Ein Gespräch über den Anspruch moderner klassischer Musik und die Kraft der Kunst

"Was Michael Jackson getan hat, war großartig. Sein Format lässt sich aber auf niemanden mehr übertragen", sagt die 35-jährige Lera Auerbach

"Was Michael Jackson getan hat, war großartig. Sein Format lässt sich aber auf niemanden mehr übertragen", sagt die 35-jährige Lera Auerbach

ZEIT ONLINE: Frau Auerbach, moderne klassische Musik hat es schwer zwischen den Vier Jahreszeiten und der Eroica. Wie erwecken Sie Interesse für Ihre Werke?

Lera Auerbach: Leidenschaft schafft Leidenschaft. Ich denke, moderne klassische Musik ist sehr aufregend. Wenn Zuhörer Konzerte erleben, die spannend sind und sich mit ihren Gefühlen direkt verbinden, wird ihr Interesse geweckt. Ich hoffe, dass meine Arbeit die Kraft in sich trägt, eine Verbindung zu meiner Generation herzustellen.

ZEIT ONLINE: Wenn Sie ein neues Stück komponieren, wissen Sie dann schon von Anfang an, wie das gesamte Werk aussehen soll?

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Auerbach: Für gewöhnlich habe ich zuerst nur eine abstrakte Vorstellung in meinem Kopf. Dann beginne ich, eine grobe Skizze des gesamten Werkes anzufertigen, um die Idee so schnell wie möglich in Umrissen zu fixieren, ohne mich zu sehr um die Details zu kümmern. Wenn die Form vorhanden ist, kann ich damit beginnen, sie zu füllen.

ZEIT ONLINE: Woher nehmen Sie die oft schockierende Ausdruckskraft Ihrer Werke?

Auerbach: Ich möchte mich mit meiner Musik so aufrichtig wie möglich an die Zuhörer wenden. Jemand bat mich kürzlich, meine Musik in einem einzigen Wort zu beschreiben. Zuerst dachte ich, das sei eine verrückte Bitte. Als ich aber dann darüber nachdachte, fiel mir das Wort ein: angstfrei. Ich möchte mit meiner Musik einen Raum schaffen, in dem sich die Menschen ohne Angst bewegen können.

Lera Auerbach

Die Komponistin, Pianistin und Autorin wurde 1973 in der Stadt Tscheljabinsk am Rande Sibiriens geboren. Bereits in frühen Jahren begann sie Klavier zu spielen, mit sechs trat zum ersten Mal öffentlich auf, mit acht konzertierte sie als Solistin mit Orchester und mit zwölf komponierte sie ihre erste Oper. 1991 wurde Lera Auerbach als Preisträgerin mehrerer Wettbewerbe zu einer Konzertreise in die USA eingeladen, von der sie nicht wieder in die kurz vor dem Zusammenbruch stehende Sowjetunion zurückkehrte. Seitdem lebt und arbeitet Lera Auerbach in New York.

Ausbildung und Werke

Lera Auerbach studierte an der Juilliard School in New York Klavier und Komposition und legte in beiden Fächern ihr Examen ab. An der Hochschule für Musik in Hannover absolvierte sie 2002 ihr Konzertexamen. Ihre Kompositionen wurden unter anderem von Gidon Kremer, der Kremerata Baltica, David Finckel, Wu Han, Vadim Gluzman, dem Tokyo String Quartet sowie dem SWR- und NDR-Sinfonieorchester in Auftrag gegeben. Ihr umfangreiches Werkverzeichnis umfasst nahezu alle Gattungen – von der Kammermusik über Orchesterwerke bis hin zum Ballett. Derzeit arbeitet die Komponistin an ihrer neuen Oper Gogol, die im Jahr 2011 am Theater an der Wien uraufgeführt wird.

Die Literatin

1996 wurde sie von der Internationalen Puschkin-Gesellschaft zur "Dichterin des Jahres" ernannt und von der größten russischsprachigen Zeitung des Westens Novoje Russkoje Slowo mit dem Poesie-Preis ausgezeichnet. Ihr literarisches Werk umfasst fünf Bände mit Gedichten und Prosa, zwei Novellen und mehr als 100 Artikel für russischsprachige Zeitungen und Zeitschriften. Im Jahr 2000 war sie Vorsitzende der Jury der "International Pushkin Poetry Competition". 2002 wurde sie ins Auswahlgremium für "Paul and Daisy Soros' Fellowship for New Americans" geladen.

Die Pianistin

Am Klavier ist Lera Auerbach unter anderem aufgetreten im Moskauer Konservatorium, in der Tokyo Opera City, dem New Yorker Lincoln Center, im Herkulessaal München und dem Konzerthaus Oslo sowie in der Chicago Symphony Hall und dem Washington Kennedy Center. Bei ihrem Debüt in der New Yorker Carnegie Hall im Mai 2002 führte sie ihre eigene Suite für Violine, Klavier und Orchester zusammen mit Gidon Kremer und der Kremerata Baltica auf. Seitdem werden ihre Werke dort regelmäßig in jeder Saison gespielt.

Auszeichnungen

2005 erhielt Lera Auerbach den renommierten "Paul-Hindemith-Preis" im Rahmen des Schleswig-Holstein Musik Festivals und den "Förderpreis Deutschlandfunk". Zurzeit ist sie "Artist in Residence" beim Musikfest Bremen.

ZEIT ONLINE: Ihre Musik speist sich aus ganz unterschiedlichen Quellen und ist dabei doch sehr eigenständig. In welcher musikalischen Traditionslinie sehen Sie sich?

Auerbach: Alfred Schnittke war einer der Komponisten, der mich in Beziehung zur Polystilistik brachte. Polystilistik bedeutet die Freiheit, mit allen musikalischen Epochen und Bedeutungen zu spielen, um dein Ziel zu erreichen, und es gibt keine Begrenzungen dafür, was du tun kannst. Wir besitzen heute mehr Information über die musikalische Tradition als jemals zuvor. Es gibt keinen Grund, etwas nicht zu verknüpfen und in seinem Käfig zu belassen. Ich kann aus allen Quellen schöpfen, die ich liebe, und diese in meine eigene Tonsprache integrieren.

ZEIT ONLINE: Gehören dazu auch Quellen wie Pop- und Weltmusik?

Auerbach: Ich bin definitiv offen für ganz verschiedene musikalische Einflüsse. Ich verschließe mich nicht, sondern halte meine Ohren offen, und ich liebe es, mit anderen Kulturen konfrontiert zu werden. Dabei habe ich das Gefühl, dass diese Strömungen mich darin bereichern zu sehen, was Musik alles sein kann. Ich denke, das einzig wichtige Kriterium ist das Talent, egal, ob die Musik nun aus dem Popbereich oder aus der Tradition der Volksmusik kommt.

ZEIT ONLINE: Ist das ein Plädoyer gegen den Mainstream?

Auerbach: Die Ideen allein sind leer. Wenn jemand in der Popmusik versuchen würde, genau das Gleiche zu tun wie Michael Jackson, der eine extrem talentierte Person war, würde er zwangsläufig scheitern. Was Jackson getan hat, war großartig. Sein Format lässt sich aber auf niemanden mehr übertragen. Wenn ein Künstler ehrlich ist, ohne Angst, hat er seine Gründe, genau so zu sein, wie nur er ist. Ideen allein können sehr anregend sein, aber sie können ohne das dahinter stehende Talent schlicht unbedeutend bleiben.

ZEIT ONLINE: Wie viel Macht besitzt die Kunst?

Auerbach: Ich glaube daran, dass die Kunst sehr viel Macht besitzt. Kunst formt das Bild der Gegenwart für die zukünftigen Generationen. Die Kunst kann sich auf besonders schwierige Objekte beziehen, in der persönlichsten, mächtigsten und direktesten Art und Weise. Und wenn es notwendig ist, kann sie komplett abstrakt bleiben.

ZEIT ONLINE: Kann sie die Welt verändern?

Auerbach: Sie kann die Individuen ihrer Zeit verändern, und ich hoffe, dass sich etwas für diejenigen ändert, die zu einem meiner Konzerte gehen. Dass sich die Musik wie eine kräftige Macht über sie ausbreitet, die sich entweder mit ihren Erinnerungen verbindet oder sich an die Emotionen ihres Herzens anschließt. Musik kann sich in Plätze verirren, vor denen wir uns fürchten. Und Musik kann die Leute weinen lassen, ohne dass sie wissen warum.

ZEIT ONLINE: Einige Ihrer Werke, wie etwa die Zweite Violinsonate September 11 nehmen explizit Bezug auf historische Ereignisse. Sehen Sie sich als eine politische Künstlerin?

Auerbach: Ich habe Werke geschrieben, die noch politischer sind, etwa das Russische Requiem, das sich mit Repressionen in Russland auseinandersetzt. Und doch würde ich sagen, ich bin das Gegenteil einer politischen Künstlerin. Ich betrachte mich als eine Außenseiterin, was tagesaktuelle Geschehnisse betrifft. Aber der Status des Außenseitertums erlaubt es dem Künstler, Dinge zu erkennen und sich ihrer dann in einer persönlichen Weise anzunehmen.

ZEIT ONLINE: Muss sich die Idee des Künstlers im Zeitalter der Massenmedien wandeln?

Auerbach: Ein Komponist ist ein Widerspruch in sich selbst. Einerseits ist er eine Person, die sich sehr lange an einem leeren Blatt Papier aufhalten kann. Du bleibst im Schatten, du bleibst privat. Andererseits besteht mein eigenes Dilemma darin, dass ich, wenn ich auf Tournee gehe, sehr vielen Leuten ausgesetzt bin. So befinde ich mich immer in zwei verschiedenen psychologischen Stimmungslagen. Jedem Künstler ist es wichtig, sich den persönlichen Glauben im Geheimen zu bewahren. Unabhängig davon, was die Medien wollen, muss sich der Künstler seine persönliche Insel erhalten.

ZEIT ONLINE: Was sind Ihre Pläne für die Zukunft?

Auerbach: So lange wie möglich am Leben zu bleiben (lacht). Ich schreibe gerade an einer Oper, die 2011 am Theater an der Wien Premiere haben wird. Der Titel der Oper ist Gogol, nach dem gleichnamigen russischen Schriftsteller. Aber im Mittelpunkt steht hierbei nicht die biografische Genauigkeit, sondern eine Art Fantasieleben. Zuerst habe ich es als Theaterstück verfasst, dann habe ich es zum Libretto umgeschrieben. Es ist das gleiche Stück, aber Musik hat eben doch ihre eigene Ausdruckskraft.

Das Gespräch führte Burkhard Schäfer.

In der aktuellen Ausgabe der Fachzeitschrift Crescendo ist ein Porträt von Lera Auerbach erschienen.

 
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