Lera Auerbach "Musik kann die Leute weinen lassen"Seite 2/2

Auerbach: Die Ideen allein sind leer. Wenn jemand in der Popmusik versuchen würde, genau das Gleiche zu tun wie Michael Jackson, der eine extrem talentierte Person war, würde er zwangsläufig scheitern. Was Jackson getan hat, war großartig. Sein Format lässt sich aber auf niemanden mehr übertragen. Wenn ein Künstler ehrlich ist, ohne Angst, hat er seine Gründe, genau so zu sein, wie nur er ist. Ideen allein können sehr anregend sein, aber sie können ohne das dahinter stehende Talent schlicht unbedeutend bleiben.

ZEIT ONLINE: Wie viel Macht besitzt die Kunst?

Auerbach: Ich glaube daran, dass die Kunst sehr viel Macht besitzt. Kunst formt das Bild der Gegenwart für die zukünftigen Generationen. Die Kunst kann sich auf besonders schwierige Objekte beziehen, in der persönlichsten, mächtigsten und direktesten Art und Weise. Und wenn es notwendig ist, kann sie komplett abstrakt bleiben.

ZEIT ONLINE: Kann sie die Welt verändern?

Auerbach: Sie kann die Individuen ihrer Zeit verändern, und ich hoffe, dass sich etwas für diejenigen ändert, die zu einem meiner Konzerte gehen. Dass sich die Musik wie eine kräftige Macht über sie ausbreitet, die sich entweder mit ihren Erinnerungen verbindet oder sich an die Emotionen ihres Herzens anschließt. Musik kann sich in Plätze verirren, vor denen wir uns fürchten. Und Musik kann die Leute weinen lassen, ohne dass sie wissen warum.

ZEIT ONLINE: Einige Ihrer Werke, wie etwa die Zweite Violinsonate September 11 nehmen explizit Bezug auf historische Ereignisse. Sehen Sie sich als eine politische Künstlerin?

Auerbach: Ich habe Werke geschrieben, die noch politischer sind, etwa das Russische Requiem, das sich mit Repressionen in Russland auseinandersetzt. Und doch würde ich sagen, ich bin das Gegenteil einer politischen Künstlerin. Ich betrachte mich als eine Außenseiterin, was tagesaktuelle Geschehnisse betrifft. Aber der Status des Außenseitertums erlaubt es dem Künstler, Dinge zu erkennen und sich ihrer dann in einer persönlichen Weise anzunehmen.

ZEIT ONLINE: Muss sich die Idee des Künstlers im Zeitalter der Massenmedien wandeln?

Auerbach: Ein Komponist ist ein Widerspruch in sich selbst. Einerseits ist er eine Person, die sich sehr lange an einem leeren Blatt Papier aufhalten kann. Du bleibst im Schatten, du bleibst privat. Andererseits besteht mein eigenes Dilemma darin, dass ich, wenn ich auf Tournee gehe, sehr vielen Leuten ausgesetzt bin. So befinde ich mich immer in zwei verschiedenen psychologischen Stimmungslagen. Jedem Künstler ist es wichtig, sich den persönlichen Glauben im Geheimen zu bewahren. Unabhängig davon, was die Medien wollen, muss sich der Künstler seine persönliche Insel erhalten.

ZEIT ONLINE: Was sind Ihre Pläne für die Zukunft?

Auerbach: So lange wie möglich am Leben zu bleiben (lacht). Ich schreibe gerade an einer Oper, die 2011 am Theater an der Wien Premiere haben wird. Der Titel der Oper ist Gogol, nach dem gleichnamigen russischen Schriftsteller. Aber im Mittelpunkt steht hierbei nicht die biografische Genauigkeit, sondern eine Art Fantasieleben. Zuerst habe ich es als Theaterstück verfasst, dann habe ich es zum Libretto umgeschrieben. Es ist das gleiche Stück, aber Musik hat eben doch ihre eigene Ausdruckskraft.

Das Gespräch führte Burkhard Schäfer.

In der aktuellen Ausgabe der Fachzeitschrift Crescendo ist ein Porträt von Lera Auerbach erschienen.

 
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