40 Jahre ECM RecordsTypisch, dieser Sound

Wo Keith Jarrett seine musikalische Heimat fand: Vor 40 Jahren gründete Manfred Eicher das Label ECM. Ob im Jazz oder in der zeitgenössischen Klassik, der Klang geht ihm über alles. von 

Der Erfinder des berühmten ECM-Sounds: Manfred Eicher im Studio

Der Erfinder des berühmten ECM-Sounds: Manfred Eicher im Studio  |  © Colin Eick/ECM Records

Donner grollt im Tessin . Herr Geiser bricht Knäckebrot. Kaut. Grummelt. Heftet raschelnd Zeitungsartikel an die Wand seiner Hütte, geologische, paläontologische. Der Mensch erscheint im Holozän . Heinz Bütler und Manfred Eicher haben Max Frischs Erzählung 1993 verfilmt; Holozän erscheint jetzt auf DVD. Der Film ist Klang. Kein Wunder: Manfred Eicher ist Musikproduzent. Und was für einer.

Man kann Eichers Motivation vergleichen mit dem Herrn Geiser aus dem Film, der mit akribischer Arbeit gegen das Vergessen ankämpft, sich gegen die Beliebigkeit der Welt wappnet, indem er tief eindringt in die Schichten der Erde. So arbeitet Eicher mit Klang.

Anzeige

Weil andere Labels den Klang vergessen haben, macht Eicher sein eigenes. Das war vor 40 Jahren. Der damals 26-jährige studierte Kontrabassist hat einige Alben für kleine Jazzlabel produziert und erlebt sie als arrogant, nachlässig, inkompetent. Klassik-Aufnahmen bei der Deutschen Grammophon, bei denen er als Produktionsassistent mitwirkt, sind anders: Diese Disziplin und Konzentration will Eicher auf improvisierte Musik übertragen. Mit dem Münchner Geschäftsmann Karl Egger gründet er die Edition Zeitgenössischer Musik GmbH als Produktionsfirma und das Plattenlabel Edition of Contemporary Music, kurz ECM.

Vom ersten Album an – Pianist Mal Waldrons Free At Last , am Neujahrstag 1970 erschienen – arbeitet Eicher am sogenannten ECM-Sound. Gute tausend meist vom Chef selbst produzierte Platten später ist dieser Sound ein Begriff in der Welt des Jazz. Er steht für ein schwer zu bestimmendes, gemeinsames Element der Künstler des Labels, deren wohl bekannteste im Jazz Keith Jarrett und Jan Garbarek sind. Vor allem aber steht er für den Klang.

Buch

Eine üppig bebilderte Annäherung an ECM im Coffetable-Book-Format ist Horizons Touched: The Music Of ECM, herausgegeben von Label-Mitarbeiter Steve Lake und Musikjournalist Paul Griffiths. Es enthält auf 448 Seiten Interviews, Analysen und Beiträge unter anderem von ECM-Musikern, von Regisseur Jean-Luc Godard und von Manfred Eicher. Erschienen 2007 bei Granta Books (ISBN 978-1862078802).

Film

Holozän, die Max-Frisch-Verfilmung von Heinz Bütler und Manfred Eicher von 1993, ist auf DVD 91 Minuten lang. Erland Josephson spielt den Herrn Geiser. Gerade erschienen als Nummer 14 der Suhrkamp Filmedition, Frankfurt 2009 (ISBN: 978-3-89848-557-9).

Konzerte

Der Piano-Großmeister Keith Jarrett gibt am 12. Oktober ein Konzert in der Philharmonie Berlin, das allerdings bereits ausverkauft ist. Jack DeJohnette kehrt auf Europatournee in Gütersloh ein, am 18. Oktober. Jan Garbarek ist auf Deutschlandtournee, und auch Gidon Kremer (teils mit der Kremerata Baltica) gibt im Oktober mehrere Konzerte in Deutschland. Alle (auch internationale) Konzertdaten von ECM-Künstlern finden Sie hier.

Festival

Bei Der Blaue Klang im Rahmen des internationalen Enjoy Jazz Festivals in Mannheim, Heidelberg und Ludwigshafen spielen vom 22. bis 25. Oktober im Mannheimer Schloss unter anderen ECM-Künstlern das John Abercrombie Quartet, das Egberto Gismonti/Alexandre Gismonti Duo, Terje Rypdal, Ralph Towner und das Enrico Rava Quintet. Auch an anderen Festival-Tagen treten Musiker des Labels auf, darunter am 20. Oktober die Jan Garbarek Group.

Alben

Mehrere Zusammenstellungen bieten einen guten Überblick über die Musik des Labels. Für sparsame Einsteiger eignet sich die Reihe Touchstones, die für 9,90 Euro pro Album 40 frühere Aufnahmen des Labels vereint. Edler die Reihe :rarum mit Selected Recordings wichtiger ECM-Künstler; die ersten Folgen sind auch als Zehn-CD-Box erhältlich. Außerdem gibt es zum Jubiläum Sonderangebote und eine Zusammenstellung der wichtigsten Alben aus 40 Jahren in Kurzbesprechungen.
 

Und wie klingt er nun, der ECM-Sound? Ein kanadisches Magazin beschrieb ihn einmal als "zweitschönsten Klang nach der Stille". Denn die Stille ist immer präsent auf ECM-Alben, als mehrsekündige Pause zu Beginn des Albums ebenso wie zwischen den Tönen – und erklingen sie auch noch so dicht. Der ECM-Sound auch dann noch transparent, klar, gläsern, wenn elektroniklastige Experimentierer Synthetikfasern zu farbenprächtigen Gobelins verweben.

Paul Bley , Pianist und selbst Gründer der Plattenfirma Improvising Artists Inc., sagt über Manfred Eicher: "Er spielt durch andere Musiker hindurch." Denn Eicher ist ein Autor, einer, der seine Projekte von der Idee über die Aufnahme bis zum Plattendesign begleitet. Dabei kommen durchaus kommerziell erfolgreiche Produkte heraus wie das Zusammentreffen des Jazzsaxofonisten Jan Garbarek und dem Hilliard Ensemble auf Officium von 1994: Die vier Briten singen Alte Musik, der Norweger spielt dazu schwebende Töne – eine schlichte Idee, ergreifend umgesetzt.

Kollisionen Alter und Neuer Musik, die Gegenüberstellung von Bach mit modernen Komponisten, traditionelle Musik aus fernen Regionen, sizilianische Volkslieder oder einfach nur ungewöhnlich gute Einspielungen aus der Klassik: ECM ist längst nicht mehr auf Jazz beschränkt. Die Grenzen zwischen dem Jazzlabel und dem 1984 gegründeten Ableger New Series für Alte Musik, Klassik, Moderne und Neue Musik sind durchlässig.

Leserkommentare
    • eeee
    • 03. Oktober 2009 8:41 Uhr

    hat verloren. Heraus kommt immer das Gleiche, Musik ist es nicht.
    Wieviele Musiker könnten wohl heute noch existieren und Musik machen?

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Warum hat man, Ihrer Meinung nach, verloren, wenn man mit Manfred Eicher in Berührung kommt? Warum ist es keine Musik? Mit einer Begründung hätte es interessant werden können. So ist es nur eine fade Stellungnahme von jemanden, dem offenbar diese Art von Musik nicht gefällt. Und sind Sie derjenige, der definiert, was Musik ist?

    • dacapo
    • 05. Januar 2012 20:17 Uhr

    "........Wieviele Musiker könnten wohl heute noch exestieren und Muskik machen?"
    Wer hat diese Musiker davon abgehalten, weiterhin Musik zu machen?

    • papamax
    • 05. Oktober 2009 7:50 Uhr

    Ich war Jazz-Kenner und -Sammler, vierzig Jahre lang die Musik verehrt, studiert, gesammelt, von King Oliver bis zum Free-Jazz hatte ich alles und komplett. Nur eine ECM-Platte, die war nicht dabei; keine einzige.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
    • dacapo
    • 08. Oktober 2009 0:49 Uhr

    Was sagt uns das?

    • dacapo
    • 08. Oktober 2009 0:49 Uhr

    Was sagt uns das?

    Antwort auf "Sammler"
  1. 4.

    Warum hat man, Ihrer Meinung nach, verloren, wenn man mit Manfred Eicher in Berührung kommt? Warum ist es keine Musik? Mit einer Begründung hätte es interessant werden können. So ist es nur eine fade Stellungnahme von jemanden, dem offenbar diese Art von Musik nicht gefällt. Und sind Sie derjenige, der definiert, was Musik ist?

  2. 5.

    ECM war an Schnittstellen beteiligt, die meines erachtens kleine Revolutionen ausgelöst hat.
    Ein Steve Reich, oder John Adams, oder Keith Jarret und Viele mehr haben unvergessliche Ersteinspielungen unter den geschickten Händen und Ohren von Eicher zum Ausdruck bringen können.

    Wer Originalität und Liebe zur puristischen Darstellung zu schätzen weiss, der ist immer mit einer ECM Scheibe sehr gut beraten.

    • Mejan
    • 17. November 2009 20:25 Uhr

    und nichts mehr interessiert mich. Ich besitze mittlerweile 11 ECM Platten, jede davon ist Musik pur, berührt jeweils andere Gefühlsebene, hinterlässt Spuren, bringt ein zum nachdenken. Und wenn man noch dazu das Hintergrundwissen sammelt, wer hinter der Musik steht, welche Charaktere das sind und mit wie viel Liebe sie ihr Werk tun, was braucht man mehr.

    • Kalkül
    • 26. November 2009 9:46 Uhr

    Immer das Gleiche. Nein, nicht die Musik auf ECM. Profilierungsgeheische á la "eeee" und "papamax" meine ich. "Ich bin ein ECHTER Jazzafficionado. ECM? Niemals!"
    Mit Verlaub, aber so eine Pauschalverdammung ist ziemlich einfältig: impliziert sie doch, daß Künstler wie Keith Jarrett, Pat Metheny et al. in dem Moment, in dem sie bei Eicher unterschrieben, Teil eines zu vernachlässigenden Musikbreis wurden. Wer Ohren besitzt, wird sich jederzeit vom Gegenteil überzeugen. Es sei denn, er legt sich selbst ideologische Steine in den Weg, die ihn an einer unvoreingenommenen Herangehensweise an Musik hindern. In dem Fall kommen dann Sätze heraus wie "(...) Musik ist es nicht."
    Keine einzige ECM-Platte daheim? Aha. Zur Kenntnis genommen.

    • dacapo
    • 05. Januar 2012 20:17 Uhr

    "........Wieviele Musiker könnten wohl heute noch exestieren und Muskik machen?"
    Wer hat diese Musiker davon abgehalten, weiterhin Musik zu machen?

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

  • Artikel Auf einer Seite lesen
  • Quelle ZEIT ONLINE
  • Schlagworte Keith Jarrett | Album | Jazz | Klassik | Pianist | Heidelberg
  • Traum oder harte Realität? Beyoncé in ihrem Dokumentarfilm "Life Is But A Dream"

    Die fleißigen Königinnen

    Beyoncé, Lana Del Rey und Taylor Swift sind die erfolgreichsten Popstars unserer Zeit. Sie zeigen uns, was es bedeutet, heute eine Frau zu sein. Wollen wir ihnen glauben?

    • PeterLicht zeigt sich nicht. Nur auf der Bühne sehen die Leute sein Gesicht.

      Tod, ach der Langweiler!

      Leben, Wahrheit, Zukunft, Freiheit, Liebe: Alles beginnt zu schillern. PeterLicht renoviert in seinem Buch und Live-Album "Lob der Realität" die Kapitalismuskritik.

      • Man mag's kaum glauben: Prince Rogers Nelson ist 56 Jahre alt.

        Freiheit allen Körpersäften!

        Nach jahrelangem Unabhängigkeitskampf veröffentlicht Prince gleich zwei Alben beim Warner-Konzern. Wer einmal Popkönig war, gibt sich eben ungern mit weniger zufrieden.

        • Die Inszenierungen des Regisseurs Calixto Bieito sind den Gegnern des Regietheaters ein plastisches Feindbild. Hier eine Szene aus der Händel-Oper "Der Triumph von Zeit und Enttäuschung" 2011 in Stuttgart

          Jeder Rollkoffer bringt uns weiter

          Geht das schon wieder los? Ein Musikwissenschaftler geißelt, was er für Regietheater in der Oper hält. Dabei ist jede noch so moderne Inszenierung besser als Stillstand.

          Service