Gidon Kremer"Entertainment ist mir fremd"

Der Geiger und Autor Gidon Kremer ist ein kompromissloser Künstler alter Schule. Sein neues Programm wirft einen Blick hinter die Kulissen der Klassikszene. Ein Interview

Der Violinist Gidon Kremer

Der Violinist Gidon Kremer

ZEIT ONLINE: Herr Kremer, mit Ihrem neuen Projekt Being Gidon Kremer sagen Sie dem Crossover den Kampf an, dabei haben Sie selbst doch auch immer wieder Ausflüge in musikalische Grenzgebiete unternommen … 

Gidon Kremer: So einfach ist das nicht, die großen Dinge im Leben sind mehrschichtig. Man kann jetzt nicht hergehen und pauschal sagen: Gidon Kremer macht Crossover. Nur weil ich Tangos von Piazzolla gespielt habe. Ich habe außer Piazzolla etwa auch anspruchsvolle Tangos von Alfred Schnittke interpretiert …

ZEIT ONLINE: Anspruchsvolle Tangos? Das klingt wie "gesundes Fast Food".

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Kremer: Ich habe Tango nie als Unterhaltungsmusik gespielt. Piazzolla hat diese Musikform auch nie als etwas empfunden, das sich zum Tanzen eignet. Er wurde deshalb von Tango-Fans und Liebhabern, die den traditionellen Tango schützen wollten, gehasst und sogar geschlagen. Er ist sozusagen in das Tango-Idiom eingedrungen und hat es mit einer Aussage versehen. Solch eine Aussage spüre ich sowohl bei Schnittke als auch bei Piazzolla. Das sind beides große Musiker und Persönlichkeiten mit einer ureigenen Handschrift. Und die bewundere ich bei Künstlern.

ZEIT ONLINE: Sie sich haben schon früh für Komponisten aus der ehemaligen Sowjetunion eingesetzt, die heute zum Kanon gehören, etwa für Arvo Pärt oder Alfred Schnittke ...

Kremer: Das stimmt, und Alfred Schnittke fehlt mir seit seinem Tod sehr. Solche Beziehungen, wie ich sie auch mit ihm hatte, sind einmalig. Ich hatte das Glück – und habe es immer noch –, viele kreative Persönlichkeiten zu treffen. Aber Alfred Schnittke war einer der wenigen Künstler unserer Zeit, die die von mir bewunderte deutliche Handschrift besitzen. Seine Linie ist immer erkennbar und kann nicht wiederholt und multipliziert werden. Das spricht von einer Persönlichkeit und kann nicht als Massenware verkauft werden.  

ZEIT ONLINE: Sie verteidigen die reine Glaubenslehre der Ernsten Musik gegen den Kommerz? Stehen Sie da nicht auf verlorenem Posten?

Kremer: Ich glaube nicht an Dogmatiker, selbst wenn sie Arnold Schönberg heißen. Viel wichtiger ist es, die Gemüter zu wecken und zum Denken zu bewegen. Ich möchte die Amplitude der Emotionen und Fantasien erweitern. Dafür habe ich mich immer eingesetzt, egal, ob es mir damals erlaubt wurde oder nicht, aus der – beziehungsweise in die – Sowjetunion zu reisen, was viele Jahre lang nicht der Fall war. 

ZEIT ONLINE: Kann die Klassik gegen die Konkurrenz allgegenwärtiger Medien denn überhaupt noch etwas ausrichten?

Leserkommentare
  1. ... wenn Herr Kremer seinen Namen mit flachen Wortspielen (s. verlinkten Trailer) überladen möchte, bitte sehr.

    Dieses "Interview", kein Gespräch, kein Dialog, nur ein weitgehend wechselwirkungsfreies Einhergehen zweier selbstverliebter Sprechblasen, hat den denselben Informationswert wie ein Loch im Kopf. Wer von der Existenz anspruchsvoller Tangos überrascht wird und wie geschehen über die "reine Glaubenslehre der Ernsten Musik" schwadroniert, weiß nichts, versteht nichts von Musik und ist als Journalist, geschweige denn als Feuilletonist nicht ernstzunehmen.

    Haben Sie überhaupt Abitur???

  2. Ein sehr schöner Dialog über das Misstrauen des Künstlers gegenüber großen Erfolgen und das gegenseitige Zuhören. Ich habe in dem Interview den sensiblen Künstler wiedererkannt, den ich in der Lektüre seines Buches "Obertöne" schon einmal vorgefunden hatte. Offenbar hat der Journalist es geschafft, den Künstler für ein fruchtbares Gespräch aus der Reserve zu locken.

  3. Der Untertitel "The rise and the fall of a classical artist" war mir unverständlich - bis dieses Interview erschien. Jetzt entdecke ich einen Künstler der sich seinen Zuhörern öffnet, sie zum emotionalen Verstehen führen und bewegen will, auch auf das Risiko hin dass sich ebendiese Zuhörer seiner Musik abwenden. So etwas erfordert Grösse und Glauben an die eigene Sendung. Ich kann nicht anders als ihm seine Kremereien verzeihen.

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